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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit

Vier Kästchen aus einem Zeitungsfragebogen

Was Bindungsstile bei Erwachsenen erklären — und was nicht

Bartholomew und Horowitz 1991: Zwei Achsen — Selbstbild und Bild von anderen, je positiv oder negativ — ergeben vier Felder. Aus der einen Vermeidung wurden dabei zwei.Zeichnung des Archivs

Wer heute schreibt „Er ist vermeidend, ich bin ängstlich“, benutzt eine Einteilung, deren erste Daten aus einer Tageszeitung stammen. 1987 druckte die Rocky Mountain News in Denver einen Fragebogen ab, der als „Liebesquiz“ angekündigt war. Cindy Hazan und Phillip Shaver werteten 620 eingesandte Antworten aus, 205 von Männern und 415 von Frauen. Wer mitmachte, hatte sich selbst dazu entschlossen — eine Selbstselektionsstichprobe, keine klinische Erhebung und keine Zufallsauswahl.

Das ist kein Skandal, sondern Forschungsgeschichte, und es erklärt einiges. Die Studie stellte eine Frage, für die es kein Verfahren gab: Wirken die Erwartungen an Nähe, Verfügbarkeit und Zurückweisung, die John Bowlby und Mary Ainsworth bei Säuglingen beschrieben hatten, auch in romantischen Beziehungen Erwachsener? Um das zu prüfen, mussten Hazan und Shaver die Bindung erst in Sätze übersetzen, denen Erwachsene zustimmen können. Genau diese Sätze kursieren heute in Beziehungsratgebern.

This article explores the possibility that romantic love is an attachment process — a biosocial process by which affectional bonds are formed between adult lovers, just as affectional bonds are formed earlier in life between human infants and their parents.

Cindy Hazan und Phillip Shaver, Romantic love conceptualized as an attachment process (1987), erster Satz der Zusammenfassung; deutsch: [Dieser Aufsatz untersucht die Möglichkeit, dass romantische Liebe ein Bindungsvorgang ist — ein biosozialer Vorgang, durch den affektive Bindungen zwischen erwachsenen Liebenden entstehen, so wie affektive Bindungen früher im Leben zwischen menschlichen Säuglingen und ihren Eltern entstehen.]

Wie aus drei Mustern vier Kästchen wurden

Hazan und Shaver boten drei Beschreibungen an, übertragen aus der Säuglingsforschung: sicher, vermeidend, ängstlich-ambivalent. Man las alle drei und kreuzte die an, die am besten passte. Zwei Fragebogenstudien lieferten drei Ergebnisse. Erstens verteilten sich die drei Stile bei Erwachsenen ungefähr so wie bei Säuglingen. Zweitens unterschieden sich die drei Gruppen darin, wie sie romantische Liebe erlebten. Und drittens hing der Stil mit inneren Arbeitsmodellen von sich selbst und vom sozialen Leben zusammen — jenem Begriff, den Bowlby geprägt hatte, um zu erklären, warum ein Beziehungsmuster über die Zeit hinweg fortbesteht.

Der Aufsatz endete nicht mit einem Ergebnis, sondern mit einem Abschnitt über Messprobleme und darüber, was künftige Prüfungen der Bindungsperspektive leisten müssten. Die Vorsicht stand also von Anfang an im Text. Verbreitet hat sich die Einteilung ohne sie.

Vier Jahre später schlugen Kim Bartholomew und Leonard Horowitz das Schema vor, das sich am Ende durchsetzte. Sie kreuzten zwei Bewertungen: das Bild von sich selbst, positiv oder negativ, und das Bild von anderen, positiv oder negativ. Aus zwei mal zwei entstanden vier Felder. Sicher heißt positiv über beides; anhänglich-verstrickt heißt negatives Selbstbild bei positivem Bild von anderen; gleichgültig-abweisend heißt umgekehrt; und ängstlich-vermeidend heißt negativ über beides. Damit spaltete sich die eine Vermeidung in zwei verschiedene: Wer Nähe meidet, weil er sie nicht braucht, ist etwas anderes als wer Nähe meidet, weil er Zurückweisung fürchtet.

Die vier Kästchen sind also nicht der Befund einer Erhebung, sondern das Ergebnis eines Modells, das man an zwei Achsen aufhängt. Wer sie im Internet als Persönlichkeitstypen wiederfindet, sieht die Kästchen ohne die Achsen.

Dimensionen statt Kästchen

Die Forschung ist diesen Weg zu Ende gegangen und hat die Kategorien aufgelöst. Kelly Brennan, Catherine Clark und Phillip Shaver legten 1998 die Messung vor, die zum Standard wurde. Sie modelliert zwei Dimensionen: Bindungsangst — die Sorge, verlassen oder nicht geliebt zu werden — und Bindungsvermeidung — das Unbehagen mit Abhängigkeit und Nähe. Kategorien lassen sich daraus ableiten, aber die Messung selbst bleibt dimensional.

Der Weg dorthin war eine Aufräumaktion. Die drei nahmen die damals vorliegenden englischsprachigen Selbstberichtsverfahren zusammen und werteten sie gemeinsam faktorenanalytisch aus; übrig blieben zwei weitgehend unabhängige Dimensionen. Aus den tragfähigsten Aussagen bauten sie einen Fragebogen mit 36 Aussagen, die Experiences in Close Relationships. Er ist bis heute das meistbenutzte Instrument des Feldes.

Das ist mehr als eine technische Feinheit. Auf einer Dimension gibt es kein Drinnen und Draußen, sondern nur ein Mehr und Weniger, und die meisten Menschen liegen irgendwo in der Mitte. Ein Kästchen suggeriert dagegen eine Grenze, die in den Daten nicht existiert. Wer sagt „ich bin ängstlich“, meint in der Sprache des Verfahrens: mein Wert auf einer von zwei kontinuierlichen Skalen liegt oberhalb eines willkürlich gewählten Schnitts.

Drei Verfahren, die nicht dasselbe messen

Es gibt drei etablierte Zugänge zur Bindung, und sie stammen aus unterschiedlichen Traditionen. Die Fremde Situation beobachtet das Verhalten von Kleinkindern bei Trennung und Wiedervereinigung. Das Adult Attachment Interview bewertet nicht, was jemand über seine Kindheit erzählt, sondern wie kohärent er es erzählt. Der Selbstbericht fragt Erwachsene, wie sie sich in romantischer Nähe erleben.

Wie weit diese Verfahren zusammenlaufen, hat Glenn Roisman mit Kollegen 2007 nachgerechnet. Ihre Metaanalyse über zehn vorliegende Studien, zusammen 961 Personen, ergab einen mittleren Zusammenhang von r = .09 zwischen der im Interview kodierten Sicherheit und den Dimensionen des Selbstberichts. Nach den gängigen Konventionen ist das belanglos bis klein. Eine zweite Studie mit 160 Personen bestätigte den Befund mit besseren Instrumenten; eine dritte an 50 verlobten Paaren zeigte, dass beide Zugänge etwas vorhersagen, aber jeweils anderes.

Daraus folgt nicht, eines der Verfahren sei falsch. Es folgt, dass gleiche Wörter über verschiedene Verfahren hinweg nicht als identisches Merkmal behandelt werden dürfen. Wer im Fragebogen als sicher gilt, gilt es im Interview womöglich nicht — und umgekehrt. Wenn ein Ratgeber die Befunde aus der Säuglingsbeobachtung anführt, um einen Fragebogenwert zu deuten, überträgt er Ergebnisse zwischen Messungen, die kaum miteinander zusammenhängen.

Roisman und seine Kollegen nannten ihre Arbeit im Titel eine Annäherung, keine Verwerfung. Beide Zugänge sagen etwas vorher; sie sagen nur nicht dasselbe vorher.

ErhebungZahlen
Hazan und Shaver, 1987620 eingesandte Antworten: 205 Männer, 415 Frauen
Bartholomew und Horowitz, 19912 Achsen, 4 Felder
Brennan, Clark und Shaver, 19982 Dimensionen: Angst und Vermeidung
Roisman u. a., 2007, Metaanalyse10 Studien, 961 Personen, r = .09
Roisman u. a., 2007, Nachprüfung160 Personen
Roisman u. a., 2007, Paarstudie50 verlobte Paare

Stabil, aber nicht Schicksal

Arbeitsmodelle entstehen aus Erfahrungen und können neue Erfahrungen strukturieren. Das bedeutet weder, ein Kleinkindtest bestimme spätere Partnerschaften, noch dass ein Stil lebenslang gleich bleibt. Menschen können sich in verschiedenen Beziehungen unterschiedlich sicher fühlen; verlässliche Partnerschaften, Therapie und Lebensereignisse verändern Erwartungen.

R. Chris Fraley hat den Forschungsstand 2019 zusammengefasst. Bindungssicherheit ist über Jahre hinweg mäßig stabil, und dieselbe Person kann in verschiedenen Beziehungen unterschiedlich sicher sein. Beziehungsspezifische Erwartungen und ein allgemeiner Stil sind nicht dasselbe — schon deshalb trägt ein einzelner Wert kein Urteil über ein Leben.

Online-Ratgeber machen aus Mustern oft Motive: Rückzug beweist Angst vor Nähe, häufige Nachrichten beweisen Verlustangst. Doch dasselbe Verhalten kann Stress, Konfliktstil, Kultur, aktuelle Unsicherheit oder schlicht Desinteresse bedeuten. Bindungssprache hilft, wenn sie Fragen öffnet: Was passiert in mir, wenn Nähe unsicher wird? Suche ich Bestätigung, ziehe ich mich zurück, kann ich Bedürfnisse klar äußern und die Antwort aushalten? Sie schadet, wenn sie Verantwortung schließt. „Ich ghoste, weil ich vermeidend bin“ erklärt ein Muster, entschuldigt aber nicht seine Folgen.

Die Beziehung ist Teil des Befunds

Bindungsverhalten entsteht zwischen Personen. Derselbe Mensch kann bei einer verlässlichen Partnerin offen und bei einem unberechenbaren Partner wachsam wirken. Auch Stress, Krankheit, Machtgefälle und frühere Verletzungen verändern, wie Nähe reguliert wird. Deshalb ist es analytisch zu grob, jedes Nachfragen als „ängstlich“ und jeden Rückzug als „vermeidend“ zu etikettieren.

Aussagekräftiger sind Sequenzen: Was löst Unsicherheit aus? Wie wird sie signalisiert? Wie reagiert die andere Seite, und gelingt anschließend Reparatur? Sicherheit zeigt sich nicht in Konfliktfreiheit, sondern häufig darin, dass Bedürfnisse ausgesprochen, Grenzen respektiert und Brüche wieder verbunden werden können.

Was bleibt

Die Erwachsenenbindung ist eine brauchbare Landkarte wiederkehrender Regulation und eine schlechte Diagnose. Sie beschreibt, was jemand in Beziehungen erwartet und wie er reagiert, wenn Nähe unsicher wird. Sie sagt nichts darüber, ob diese Erwartungen aus der Kindheit stammen, ob sie bleiben werden oder ob sie in der nächsten Beziehung wieder auftreten. Die Zeitungsherkunft der ersten Daten ist dabei weniger das Problem als das, was später mit ihnen geschah. Aus drei angekreuzten Absätzen wurden zwei Skalen, aus zwei Skalen vier Felder und aus vier Feldern ein Vokabular, mit dem Menschen einander erklären. Jeder dieser Schritte war methodisch begründet. Keiner von ihnen hat die Kategorien härter gemacht, als sie beim ersten Mal waren.

Im Alltag erkennt man den Fehlgebrauch an der Zeitform. „Ich bin vermeidend“ behauptet eine Eigenschaft; „ich ziehe mich zurück, wenn ich mich unter Druck gesetzt fühle“ beschreibt eine Sequenz und lässt Raum für eine andere Fortsetzung. Niemand ist ein Bindungsstil. Menschen bringen Erwartungen in Beziehungen — und Beziehungen können neue Erwartungen lehren.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Hazan, C., & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524.

    Die Ursprungsstudie aus dem Zeitungsfragebogen: Quelle der 620 Antworten, der drei Stile und des zitierten Eröffnungssatzes.

  2. Bartholomew, K., & Horowitz, L. M. (1991). Attachment styles among young adults: A test of a four-category model. Journal of Personality and Social Psychology, 61(2), 226–244.

    Das Vier-Felder-Schema aus Selbstbild und Bild von anderen — und die Aufspaltung der Vermeidung in zwei verschiedene Formen.

  3. Brennan, K. A., Clark, C. L., & Shaver, P. R. (1998). Self-report measurement of adult romantic attachment: An integrative overview. In J. A. Simpson & W. S. Rholes (Hrsg.), Attachment Theory and Close Relationships (S. 46–76). New York: Guilford.

    Die dimensionale Messung, die zum Standard wurde: Bindungsangst und Bindungsvermeidung statt Kategorien.

  4. Roisman, G. I., Holland, A., Fortuna, K., Fraley, R. C., Clausell, E., & Clarke, A. (2007). The Adult Attachment Interview and self-reports of attachment style: An empirical rapprochement. Journal of Personality and Social Psychology, 92(4), 678–697.

    Quelle aller Zahlen zur Übereinstimmung der Verfahren: zehn Studien mit 961 Personen, r = .09, dazu die Nachprüfung an 160 Personen und die 50 verlobten Paare.

  5. Fraley, R. C. (2019). Attachment in adulthood: Recent developments, emerging debates, and future directions. Annual Review of Psychology, 70, 401–422.

    Der Forschungsstand zu Stabilität und Veränderung — Beleg dafür, dass ein Stil weder festliegt noch in allen Beziehungen derselbe ist.