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AnamneseArchiv der Psychologie

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Das Journal5. April 20267 Min. Lesezeit

Die Tablette wirkt, auch wenn nichts darin ist

Was Placebo verändert, was es nicht heilt — und was Nocebo kostet

Der SAMSON-Versuch, 60 Patienten und zwölf Monatspackungen: 16,3 Punkte Beschwerdestärke unter dem Wirkstoff, 15,4 unter Placebo — und 8,0 in den Monaten ganz ohne Tablette.Zeichnung des Archivs

Sechzig Patienten, die ihre Statine wegen Muskelbeschwerden abgesetzt hatten, bekamen im SAMSON-Versuch zwölf Monatspackungen in zufälliger Reihenfolge: vier mit dem Wirkstoff, vier mit Placebo, vier leer. Sie konnten Wirkstoff und Placebo nicht unterscheiden und trugen täglich ein, wie stark ihre Beschwerden waren. Die mittlere Beschwerdestärke lag bei 16,3 Punkten in den Statinmonaten, bei 15,4 in den Placebomonaten und bei 8,0 in den Monaten ohne jede Tablette. Zwischen Wirkstoff und Placebo war kein Unterschied zu sichern.

Die Tablette wirkte, obwohl nichts darin war. Um diesen Satz und seine Grenzen geht es in diesem Stück, denn er wird regelmäßig zu weit gedehnt. Die Legende sagt: Der Glaube heilt, ein Drittel jeder Wirkung sei Placebo, die Zuckerpille komme fast an das Medikament heran. Die Forschung sagt etwas Genaueres, und das Genauere ist interessanter.

Was übrig bleibt, wenn man richtig rechnet

Zuerst die Buchhaltung. Dass es Patienten der Placebo-Gruppe nach vier Wochen besser geht, hat viele Gründe, von denen die Erwartung nur einer ist. Krankheiten schwanken, und wer sich im Tief in eine Studie einschreibt, wäre auch ohne alles wieder gestiegen — Regression zum Mittelwert. Dazu kommen der Spontanverlauf, die Zuwendung, die geregelte Tagesstruktur und der Wunsch, dem freundlichen Personal Besserung zu berichten, ein Musterfall von Demand Characteristics.

Der eigentliche Placebo-Effekt ist der Rest, der übrig bleibt, wenn man Scheinbehandlung nicht gegen nichts vergleicht, sondern gegen gar keine Behandlung. Genau das taten Asbjørn Hróbjartsson und Peter Gøtzsche: Sie suchten Studien, die einen Placebo-Arm und einen unbehandelten Arm führten — 114 Studien im ersten Durchgang von 2001, 158 in der erweiterten Fassung von 2010. Ihr Befund war ernüchternd, und ihre Zusammenfassung sagt es ohne Umschweife:

We found little evidence in general that placebos had powerful clinical effects

Asbjørn Hróbjartsson & Peter C. Gøtzsche, Is the Placebo Powerless? (2001) [Wir fanden allgemein wenig Belege dafür, dass Placebos starke klinische Wirkungen hätten.]

Ein verlässlicher Effekt zeigte sich nur bei subjektiven, von den Patienten selbst berichteten Größen, allen voran beim Schmerz. Bei den objektiven Endpunkten blieb kaum etwas übrig. Kein Placebo schrumpft Tumoren, senkt Virenlasten oder repariert Gelenke.

Wo der Effekt biologisch greifbar ist

Es gibt aber Bereiche, in denen der Rest groß, reproduzierbar und biologisch greifbar ist: Schmerz, Übelkeit, manche Parkinson-Symptome, Erschöpfung, Angst — durchweg Größen, die das Gehirn selbst mitreguliert. Für den Schmerz ist die Kette am besten kartiert. Die Erwartung einer Linderung setzt körpereigene Opioide frei, und der Opioidblocker Naloxon kann die Placebo-Analgesie wieder aufheben. Das ist der klassische Befund von Jon Levine, Newton Gordon und Howard Fields aus dem Jahr 1978, und er ist deshalb so stark, weil er pharmakologisch prüfbar macht, was wie Psychologie aussieht.

Fabrizio Benedettis Arbeiten zeigten die Feinmechanik. Sein Kunstgriff war die verdeckte Gabe: Dasselbe Schmerzmittel wird einmal sichtbar vom Arzt verabreicht und einmal unbemerkt von einer programmierten Infusionspumpe. Eine verdeckt gegebene Schmerzmittel-Dosis wirkt messbar schwächer als dieselbe Dosis, die sichtbar gegeben wird — die Differenz ist der Erwartungsanteil, der in jeder offenen Behandlung mitläuft.

Und die Pawlow-Linie dieses Archivs hat hier einen späten Auftritt. Placebo-Antworten lassen sich durch klassische Konditionierung erzeugen. Robert Ader und Nicholas Cohen koppelten 1975 bei Ratten ein Immunsuppressivum an einen Geschmacksreiz — und der Geschmack allein dämpfte danach die Immunantwort. Marion Goebel und Kollegen haben denselben Vorgang 2002 beim Menschen gezeigt. Erwartung und Konditionierung sind die beiden Motoren, und sie arbeiten oft zusammen.

GrößeWirkt ein Scheinpräparat darauf?Woran das gemessen ist
Schmerzja, über körpereigene OpioideNaloxon hebt die Wirkung wieder auf
Übelkeit, Erschöpfung, Angstja, in der Selbstauskunft158 Studien mit unbehandeltem Arm
Manche Parkinson-Symptomejaebenda
Immunantwortkonditionierbar, nicht erwartbarGeschmacksreiz nach Kopplung
Tumorgröße, Virenlast, Gelenkbefundneinebenda — kein verlässlicher Effekt

Wie die Inszenierung mitwirkt

Auch die Verpackung der Erwartung ist vermessen worden, und die Befunde lesen sich wie Satire, sind aber Datenlage. Spritzen und Scheingeräte wirken besser als Tabletten. Teurere Scheinpräparate wirken besser als billige — Rebecca Waber und Kollegen zeigten das, indem sie Versuchspersonen dieselbe wirkstofffreie Pille einmal als teures und einmal als heruntergesetztes Präparat vorstellten. Markennamen wirken besser als namenlose Pillen. Und die Farbe spielt mit: Rot, Gelb und Orange gelten als anregend, Blau und Grün als beruhigend.

Die Übersichtsarbeit zur Pillenfarbe liefert gleich die Pointe mit. Bei italienischen Männern kehrt sich die Wirkung von Blau um — nicht bei italienischen Frauen. Die naheliegende Erklärung ist das Trikot der Nationalmannschaft. Die Erwartung hängt an der Bedeutung, nicht an der Wellenlänge, und die Bedeutung ist lokal. Nichts davon verschiebt die Grenze zu den objektiven Endpunkten. Alles davon zeigt, dass die Inszenierung einer Behandlung Teil ihrer Wirkung auf das Erleben ist. Die Medizin hat diese Erkenntnis lange als peinlich behandelt; die Placebo-Forschung behandelt sie als Stellschraube — wenn der Kontext wirkt, kann man ihn absichtlich gut machen, ohne zu täuschen.

Was Nocebo kostet

Die dunkle Schwester kehrt das Vorzeichen um: Negative Erwartung erzeugt und verstärkt Symptome. Wer im Aufklärungsgespräch hört, das Medikament könne Kopfschmerzen machen, berichtet häufiger Kopfschmerzen — auch in der Placebo-Gruppe, was der saubere Beleg dafür ist, dass die Information selbst wirkt. Nocebo-Effekte erklären einen erheblichen Teil der Nebenwirkungen in den Scheinarmen klinischer Studien und einen Teil der Abbrüche echter Behandlungen. Der SAMSON-Versuch am Anfang dieses Textes ist die sauberste Vorführung: Der Unterschied lag nicht zwischen Wirkstoff und Placebo, sondern zwischen Tablette und keiner Tablette.

Für die Praxis ist Nocebo deshalb die wichtigere Hälfte — weil er täglich erzeugt wird, von Beipackzetteln, Internetforen und unbedachten Sätzen im Behandlungszimmer. Die Sprachwahl ist dabei kein weiches Thema, sondern ein messbares. In einer Studie an 140 Frauen wurde vor der Periduralanästhesie allein der Ankündigungssatz variiert. Die eine Hälfte hörte, es folge ein kräftiger Bienenstich und das sei der schlimmste Teil des Eingriffs. Die andere hörte, man gebe ein örtliches Betäubungsmittel, das die Stelle unempfindlich mache. Gleiches Verfahren, gleiche Nadel, verschiedene Schmerzwerte. Wer Aufklärung formuliert, dosiert mit. Die Forschung testet deshalb Formate, die informieren, ohne zu programmieren: die Rahmung von Häufigkeiten, positive Kontextsätze, gestufte Information auf Wunsch.

Nocebo hat außerdem eine Massenform. 1998 erkrankten an einer Highschool in McMinnville, Tennessee, zahlreiche Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte an Kopfschmerz, Schwindel und Übelkeit; die Schule wurde geräumt und untersucht. Eine toxische Ursache fand sich nicht. Was sich fand, war ein Ausbreitungsmuster entlang der Sichtlinien — betroffen wurde vor allem, wer andere Betroffene sehen konnte. Erwartung ist ansteckend. Auch das ist eine Konditionierungsgeschichte.

Was das für die Bewertung von Studien heißt

Für dieses Archiv ist Placebo vor allem ein Methodenthema, und hier schließt sich der Kreis zur Beck-Akte. Medikamentenstudien können verblinden; Psychotherapiestudien können es nicht — niemand sitzt unwissend in einer kognitiven Therapie. Ihre Kontrollen heißen Warteliste, Aufmerksamkeitskontrolle oder Behandlung wie üblich, und je nach Wahl fällt der Effekt größer oder kleiner aus. Ein Teil des Streits um die Wirksamkeit der Verfahren ist in Wahrheit ein Streit über Kontrollbedingungen: Gegen eine Warteliste wirkt fast alles, gegen eine glaubwürdige Scheinbehandlung schrumpfen die Unterschiede. Die Dodo-Debatte, die dieses Journal in einem eigenen Stück behandelt, hängt an genau dieser Frage.

Die Erwartung wandert auch auf der Behandlerseite mit. Die Allegiance-Forschung von Lester Luborsky und Kollegen zeigt, dass Verfahren in den Händen ihrer Anhänger besser abschneiden als in den Händen von Skeptikern. Das ist ein Placebo-Verwandter im Forscherkittel — und einer der Gründe, warum unabhängige Wiederholungen so viel wert sind.

Frankls Ordner grüßt an dieser Stelle von der Seite: Dass Deutung und Haltung das Erleben einer Lage verändern, war die klinische Intuition der Sinnlehre. Die Placebo-Forschung hat aus der Intuition eine Messgröße gemacht und ihr Grenzen gezogen. Zwischen „die Erwartung moduliert den Schmerz“ und „der Geist heilt den Körper“ liegt die ganze Differenz zwischen einem Befund und einem Wunsch.

Was bleibt

Gesichert ist ein enger, aber echter Effekt. Erwartung und Konditionierung verändern messbar, wie stark ein Symptom erlebt wird, und sie tun das über nachweisbare körpereigene Wege. Ebenso gesichert ist die Grenze: An objektiven Krankheitsmaßen richtet ein Scheinpräparat nichts aus. Zwei Klarstellungen gehören dazu, weil die Legende sie regelmäßig verwischt. Erstens belegen Placebo-Effekte nicht, dass eine Krankheit eingebildet war — sie belegen, dass Symptomregulation teilweise zentralnervös läuft; ein Schmerz, der auf Erwartung reagiert, ist so echt wie einer, der es nicht tut. Zweitens ist die Forschung zu den offenen Placebos noch jung: Die vielzitierte Arbeit von Ted Kaptchuk und Kollegen umfasste 80 Patienten mit Reizdarm über drei Wochen, die wussten, dass sie ein Scheinpräparat nahmen. Die Richtung ist interessant, die Stichproben sind klein, und die Replikationskrise hat gelehrt, mit dem Urteil auf die großen Prüfungen zu warten.

Im Alltag erkennt man die Sache an einem einfachen Test: Wird ein Endpunkt berichtet oder gemessen? Bei Schmerz, Übelkeit, Erschöpfung und Schlaf ist der Placebo-Anteil real und der Nocebo-Anteil noch größer. Bei Laborwerten, Bildbefunden und Sterblichkeit ist er es nicht. Und die praktische Konsequenz liegt weniger bei der Zuckerpille als beim Satz davor: Wer erklärt, was gleich passiert, verändert damit, wie es sich anfühlt — in beide Richtungen.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Hróbjartsson, A., & Gøtzsche, P. C. (2001). Is the placebo powerless? An analysis of clinical trials comparing placebo with no treatment. New England Journal of Medicine, 344, 1594–1602; erweitert als Cochrane Review (2010).

    Die Buchhaltung, ohne die jede Placebo-Zahl zu groß ist: Verglichen wird nicht gegen nichts, sondern gegen KEINE Behandlung. Aus der Zusammenfassung stammt das Zitat.

  2. Levine, J. D., Gordon, N. C., & Fields, H. L. (1978). The mechanism of placebo analgesia. The Lancet, 312, 654–657.

    Der Befund, der aus Psychologie Pharmakologie macht: Der Opioidblocker Naloxon hebt die Placebo-Analgesie wieder auf.

  3. Benedetti, F., Maggi, G., Lopiano, L., u. a. (2003). Open versus hidden medical treatments: The patient's knowledge about a therapy affects the therapy outcome. Prevention & Treatment, 6(1).

    Die verdeckte Gabe — derselbe Wirkstoff, einmal sichtbar, einmal von einer Pumpe. Die Differenz ist der Erwartungsanteil, der in jeder offenen Behandlung mitläuft.

  4. Ader, R., & Cohen, N. (1975). Behaviorally conditioned immunosuppression. Psychosomatic Medicine, 37(4), 333–340.

    Der zweite Motor neben der Erwartung: Konditionierung. Ein Geschmacksreiz allein dämpfte die Immunantwort — die Pawlow-Linie dieses Archivs mit spätem Auftritt.

  5. Goebel, M. U., Trebst, A. E., Steiner, J., u. a. (2002). Behavioral conditioning of immunosuppression is possible in humans. The FASEB Journal, 16(14), 1869–1873.

    Dasselbe beim Menschen, und damit der Beleg, dass es sich nicht um eine Eigenart des Tiermodells handelt.

  6. Wood, F. A., Howard, J. P., Finegold, J. A., u. a. (2020). N-of-1 trial of a statin, placebo, or no treatment to assess side effects (SAMSON). New England Journal of Medicine, 383, 2182–2184.

    Die Anordnung, mit der der Artikel beginnt, und die sauberste Vorführung des Nocebo-Effekts: Der Unterschied lag zwischen Tablette und keiner Tablette.

  7. Colloca, L., & Barsky, A. J. (2020). Placebo and nocebo effects. New England Journal of Medicine, 382, 554–561.

    Die Übersicht, die beide Seiten zusammenführt und den Anteil der Nocebo-Effekte an Nebenwirkungsberichten und Behandlungsabbrüchen einordnet.

  8. Varelmann, D., Pancaro, C., Cappiello, E. C., & Camann, W. R. (2010). Nocebo-induced hyperalgesia during local anesthetic injection. Anesthesia & Analgesia, 110, 868–870.

    Gleiche Nadel, gleiches Verfahren, verschiedener Ankündigungssatz — und verschiedene Schmerzwerte. Der Beleg dafür, dass Aufklärung mitdosiert.

  9. de Craen, A. J. M., Roos, P. J., Leonard de Vries, A., & Kleijnen, J. (1996). Effect of colour of drugs: Systematic review of perceived effect of drugs and of their effectiveness. BMJ, 313, 1624–1626.

    Die Farbübersicht — und mit der Umkehrung bei italienischen Männern der Beleg, dass die Erwartung an der Bedeutung hängt und nicht an der Wellenlänge.

  10. Waber, R. L., Shiv, B., Carmon, Z., & Ariely, D. (2008). Commercial features of placebo and therapeutic efficacy. JAMA, 299, 1016–1017.

    Dieselbe wirkstofffreie Pille, einmal teuer und einmal heruntergesetzt vorgestellt. Die Inszenierung ist Teil der Wirkung.

  11. Jones, T. F., Craig, A. S., Hoy, D., u. a. (2000). Mass psychogenic illness attributed to toxic exposure at a high school. New England Journal of Medicine, 342, 96–100.

    Die Massenform des Nocebo-Effekts, samt dem Ausbreitungsmuster entlang der Sichtlinien: Betroffen wurde vor allem, wer Betroffene sehen konnte.

  12. Kaptchuk, T. J., Friedlander, E., Kelley, J. M., u. a. (2010). Placebos without deception: A randomized controlled trial in irritable bowel syndrome. PLOS ONE, 5, e15591.

    Die offenen Placebos — 80 Patienten über drei Wochen. Die Richtung ist interessant, die Stichprobe ist klein, und der Artikel wartet deshalb auf die großen Prüfungen.

  13. Luborsky, L., Diguer, L., Seligman, D. A., u. a. (1999). The researcher's own therapy allegiances: A „wild card“ in comparisons of treatment efficacy. Clinical Psychology: Science and Practice, 6, 95–106.

    Der Placebo-Verwandte im Forscherkittel: Verfahren schneiden in den Händen ihrer Anhänger besser ab. Einer der Gründe, warum unabhängige Wiederholungen so viel wert sind.