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AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal29. August 20267 Min. Lesezeit

Fünf Faktoren, aus Wörterbüchern gewonnen

Die unromantische Alternative zu Typen — samt ihrer Kritiker

Von Allports und Odberts Wortliste 1936 zu Goldbergs Faktorenlösung 1990: Aus 17 953 Eigenschaftswörtern wurden 1 431 Adjektive, daraus 75 Gruppen — und daraus fünf Faktoren, die in 10 Wiederholungen stehen blieben.Zeichnung des Archivs

1936 saßen Gordon Allport und Henry Odbert über Webster's New International Dictionary und schrieben heraus, womit die englische Sprache Menschen beschreibt: 17 953 Ausdrücke für Eigenschaften und Verhaltensweisen. Die Annahme dahinter heißt seither lexikalische Hypothese. Was einer Sprachgemeinschaft an Unterschieden zwischen Menschen wichtig ist, findet irgendwann ein Wort; je wichtiger, desto eher ein einzelnes.

Das ist ein merkwürdiger Ausgangspunkt für eine Wissenschaft. Er unterstellt, dass Jahrhunderte von Alltagsbeobachtung eine Art Rohdatensatz hinterlassen haben, den man nur noch sortieren muss. Genau das geschah dann auch, über Jahrzehnte und mit immer besseren Rechenverfahren.

Von der Wortliste zu fünf Dimensionen

Lewis Goldberg legte 1990 die Arbeit vor, die dem Ergebnis seinen Namen gab. Er ließ 1 431 Adjektive beurteilen, verdichtete sie zu 75 Gruppen und fand darin immer wieder dieselbe Struktur — in zehn Wiederholungen mit unterschiedlichen Daten und Methoden. Fünf breite Faktoren blieben stehen. Sie stammen nicht aus einer Theorie darüber, wie Menschen funktionieren, sondern aus dem, was in den Daten mehrfach zusammenfiel.

Offenheit betrifft Neugier und Vorliebe für Komplexität. Gewissenhaftigkeit beschreibt Ordnung, Ausdauer und Selbstkontrolle. Extraversion bündelt soziale Aktivität und positive Emotionalität. Verträglichkeit erfasst Kooperation und Mitgefühl. Neurotizismus meint Anfälligkeit für negative Emotionen. Jeder Begriff enthält Facetten; zwei Personen mit gleichem Gesamtwert können unterschiedliche Profile besitzen.

Typen sind die bessere Geschichte. Introvertiert oder extravertiert, Denker oder Fühler, sicher oder ängstlich: Eine Schublade verspricht Ganzheit. Die Big Five sind weniger befriedigend und gerade deshalb wissenschaftlich stärker. Sie beschreiben Menschen auf fünf Dimensionen, ohne natürliche Grenzlinien zwischen Sorten von Menschen zu behaupten.

Beschreibung vor Erklärung

Die Dimensionen sind eine Taxonomie, keine vollständige Theorie darüber, warum jemand so wurde. Gene, Entwicklung, Kultur, Rollen und Situationen wirken zusammen. Werte zeigen mittlere Stabilität und können sich über das Leben ändern.

Big-Five-Merkmale sagen relevante Ergebnisse bescheiden voraus: Gewissenhaftigkeit etwa Leistung und Gesundheitsverhalten, Neurotizismus Belastung, Extraversion bestimmte soziale Erfahrungen. „Bescheiden“ ist wichtig. Eine Korrelation in Gruppen erlaubt keine sichere Vorhersage der nächsten Handlung. Christopher Soto hat die Zusammenhänge zwischen Merkmalen und Lebensergebnissen 2019 systematisch nachgeprüft: 87 Prozent der geprüften Verbindungen ließen sich wiederholen, aber die Effekte blieben klein. Beides gehört zusammen. Die Befunde sind belastbar und sie sind schwach.

Selbstberichte enthalten Selbstbild und Vergleichsnorm; Fremdberichte sehen anderes. Gute Einschätzung nutzt mehrere Quellen und konkrete Situationen. Ein Testwert darf nie heimlich zur Moralnote werden: niedrige Verträglichkeit kann Konfliktbereitschaft, aber auch Direktheit bedeuten; hohe Gewissenhaftigkeit kann Zuverlässigkeit und Starrheit verbinden.

Zwei Jahre später prüfte Soto, ob dieselben Verbindungen über Gruppen hinweg gelten: über Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit und verschiedene Auswertungswege hinweg. Er fand wenige Wechselwirkungen. Die Zusammenhänge blieben klein, und sie blieben weitgehend dieselben. Das ist ein doppeltes Ergebnis. Es stützt die Übertragbarkeit innerhalb der untersuchten Bevölkerung — und sagt nichts über jene Bevölkerungen, die in solchen Erhebungen kaum vorkommen. Genau dort setzt die nächste Prüfung an.

Der sechste Faktor

Dass es fünf sein müssen, ist keine Naturkonstante. Michael Ashton und Kibeom Lee legten 2007 ein Modell mit sechs Dimensionen vor, das HEXACO-Modell. Es beruht auf demselben lexikalischen Verfahren, angewandt auf mehrere Sprachen — und dort taucht eine Dimension auf, die in den fünf Faktoren keinen eigenen Platz hat: Ehrlichkeit-Bescheidenheit, im Original Honesty-Humility. Sie bündelt Aufrichtigkeit, Fairness, Anspruchslosigkeit und die Abwesenheit von Ausbeutungsbereitschaft. Die übrigen fünf heißen Emotionalität, Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit; Emotionalität und Verträglichkeit sind gegenüber dem Fünffaktorenmodell anders zugeschnitten.

Ashton und Lee argumentieren, dass ihr Modell Dinge erklärt, für die die Big Five keine Sprache haben. Dazu gehören die Verbindung zu biologischen Modellen von Verwandten- und reziprokem Altruismus sowie das Muster der Geschlechtsunterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen. Praktisch heißt das: Wer Ausbeutung, Bestechlichkeit oder Bescheidenheit messen will, misst sie in den Big Five nur über Umwege. Der Streit um die Zahl der Faktoren ist keine Haarspalterei. Er entscheidet, welche Unterschiede zwischen Menschen als grundlegend gelten und welche als Beiwerk.

Die Sechsfaktorenlösung stammt zudem nicht aus einer einzelnen Sprache. Ashton und Lee berufen sich auf lexikalische Untersuchungen in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen, in denen dieselbe sechsteilige Struktur wiederkehrte. Das ist ihr stärkstes Argument: Was im englischen Wortschatz noch als Beiwerk der Verträglichkeit durchgehen kann, steht anderswo als eigener Faktor da. Die Zahl der Dimensionen hängt also auch davon ab, in welcher Sprache gezählt wird.

Wo die Struktur nicht auftaucht

Die Fünffaktorenstruktur ist in vielen Ländern wiedergefunden worden, was lange als Beleg für ihre Universalität galt. Fast alle diese Prüfungen fanden allerdings in schriftkundigen, städtischen Bevölkerungen statt.

Michael Gurven und Kollegen legten 2013 den ersten Test in einer weitgehend schriftlosen indigenen Gesellschaft vor. 632 Tsimane-Männer und -Frauen im bolivianischen Tiefland bearbeiteten eine Übersetzung des 44-teiligen Big Five Inventory. Die Struktur ließ sich nicht bestätigen — weder in der internen Konsistenz noch in der Stabilität über die Zeit, weder im Zusammenhang mit beobachtetem Verhalten noch in der Faktorenanalyse. Eine zweite Stichprobe von 430 Erwachsenen, die ihre Ehepartner einschätzten, änderte daran nichts. Was sich stattdessen zeigte, waren zwei Hauptfaktoren, die die Autoren mit Merkmalen kleiner Gesellschaften in Verbindung bringen.

2019 kam eine zweite Warnung, diesmal aus der Breite. Rachid Laajaj und Kollegen werteten 29 persönlich geführte Erhebungen mit 94 751 Befragten in 23 Ländern niedrigen und mittleren Einkommens aus. Die üblichen Persönlichkeitsfragen erfassten dort überwiegend nicht, was sie erfassen sollten; ihre Validität war gering. Bemerkenswert ist der Kontrast im selben Papier: In Internetbefragungen mit 198 356 selbstausgewählten Teilnehmenden aus denselben Ländern fielen die Kennwerte deutlich besser aus. Antwortgewohnheiten, der Umgang mit dem Interviewer und geringe Schulbildung können die Messung verzerren — die Struktur verschwindet also möglicherweise nicht, weil es sie dort nicht gibt, sondern weil der Fragebogen unter diesen Bedingungen nicht funktioniert.

Beides führt zu derselben Mahnung, die Joseph Henrich, Steven Heine und Ara Norenzayan 2010 unter dem Kürzel WEIRD formulierten: Die Stichproben der Verhaltenswissenschaften stammen weit überwiegend aus westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen Gesellschaften. Diese Populationen sind über viele Bereiche hinweg keine typischen Vertreter der Gattung, sondern häufig Ausreißer. Wer aus ihnen auf Menschen überhaupt schließt, braucht dafür einen Beleg und nicht bloß die Gewohnheit.

The findings suggest that members of WEIRD societies, including young children, are among the least representative populations one could find for generalizing about humans.

Joseph Henrich, Steven J. Heine und Ara Norenzayan, The weirdest people in the world? (2010), Zusammenfassung; deutsch: [Die Befunde legen nahe, dass Angehörige von WEIRD-Gesellschaften, Kinder eingeschlossen, zu den am wenigsten repräsentativen Bevölkerungen gehören, die sich für eine Verallgemeinerung über Menschen finden lassen.]
ErhebungUmfang und Ergebnis
Allport und Odbert, 193617 953 Eigenschaftswörter aus einem Wörterbuch
Goldberg, 19901 431 Adjektive, 75 Gruppen, 10 Wiederholungen, 5 Faktoren
Soto, 201987 % der Zusammenhänge wiederholbar, Effekte klein
Gurven u. a., 2013632 Tsimane, zweite Stichprobe 430 Erwachsene, Struktur nicht bestätigt
Laajaj u. a., 201929 Erhebungen, 94 751 Befragte in 23 Ländern; 198 356 online
Henrich u. a., 2010WEIRD-Stichproben über viele Bereiche hinweg Ausreißer

Person und Situation zusammen lesen

Ein Profil wird aussagekräftiger, wenn es mit Situationen verbunden wird. Hohe Extraversion kann in einer vertrauten Gruppe sichtbar sein und unter formaler Beobachtung verschwinden. Gewissenhaftigkeit zeigt sich womöglich bei wichtigen Projekten, aber nicht bei belangloser Routine. Forschende sprechen deshalb von Merkmalsausdruck: Eine Tendenz braucht Gelegenheiten, Anreize und manchmal Sicherheit, um Verhalten zu werden.

Für die Praxis heißt das, nicht nur „Wie hoch ist der Wert?“ zu fragen, sondern „Wann erscheint das Muster, wann nicht und was kostet seine Aufrechterhaltung?“ Gerade die Ausnahmen können Rollen, Motive und erlernte Selbstkontrolle sichtbar machen.

Was bleibt

Die Big Five sind das beste verfügbare Ordnungssystem für Persönlichkeitsunterschiede und zugleich ein Produkt ihrer Herkunft. Sie stammen aus Wörterbüchern und aus Stichproben, die weder die Sprachen noch die Lebensformen der Menschheit abdecken. Dass sich in Sprachen jenseits des Englischen ein sechster Faktor abzeichnet und dass die Struktur bei den Tsimane nicht auftauchte, sind keine Randnotizen. Sie zeigen, dass die Zahl fünf ein Befund über bestimmte Daten ist und kein Naturgesetz.

Im Alltag erkennt man den Missbrauch an einem Satz: „Ich bin nun mal so.“ Ein Faktorwert sagt, wie sich jemand im Vergleich zu anderen beschreibt und was das im Mittel mit späteren Ergebnissen zu tun hat. Er sagt nicht, was jemand morgen tun wird, ob er ein guter Mensch ist oder was ihm unmöglich ist. Der Wert der Big Five liegt in der Verweigerung von Magie. Sie ersetzen die Frage „Was für ein Mensch ist das?“ durch eine Serie begrenzter Fragen — und lassen genug Platz dafür, dass Menschen mehr sind als ihre regelmäßigen Tendenzen.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Allport, G. W., & Odbert, H. S. (1936). Trait-names: A psycho-lexical study. Psychological Monographs, 47(1), i–171.

    Die Wortliste am Anfang: Quelle der 17 953 Ausdrücke und der lexikalischen Hypothese.

  2. Goldberg, L. R. (1990). An alternative „description of personality“: The Big-Five factor structure. Journal of Personality and Social Psychology, 59(6), 1216–1229.

    Die Arbeit, die dem Ergebnis seinen Namen gab — Quelle der 1 431 Adjektive, der 75 Gruppen und der zehn Wiederholungen.

  3. John, O. P., Naumann, L. P., & Soto, C. J. (2008). Paradigm shift to the integrative Big Five trait taxonomy. In O. P. John, R. W. Robins & L. A. Pervin (Hrsg.), Handbook of Personality: Theory and Research (3. Aufl., S. 114–158). New York: Guilford.

    Beleg dafür, dass die fünf Dimensionen eine Taxonomie sind und keine Theorie — und für die mittlere Stabilität der Werte über das Leben.

  4. Soto, C. J. (2019). How replicable are links between personality traits and consequential life outcomes? The Life Outcomes of Personality Replication Project. Psychological Science, 30(5), 711–727.

    Quelle der 87 Prozent wiederholbarer Zusammenhänge und des Befunds, dass die Effekte dabei klein bleiben.

  5. Soto, C. J. (2021). Do links between personality and life outcomes generalize? Testing the robustness of trait–outcome associations across gender, age, ethnicity, and analytic approaches. Social Psychological and Personality Science, 12(1), 118–130.

    Prüft, ob dieselben Zusammenhänge über Geschlecht, Alter und Herkunft hinweg gelten — die Grundlage für die Warnung vor der Einzelfallvorhersage.

  6. Ashton, M. C., & Lee, K. (2007). Empirical, theoretical, and practical advantages of the HEXACO model of personality structure. Personality and Social Psychology Review, 11(2), 150–166.

    Der sechste Faktor: Quelle für Ehrlichkeit-Bescheidenheit, den Zuschnitt der übrigen fünf Dimensionen und die Argumente für sechs statt fünf.

  7. Gurven, M., von Rueden, C., Massenkoff, M., Kaplan, H., & Lero Vie, M. (2013). How universal is the Big Five? Testing the five-factor model of personality variation among forager–farmers in the Bolivian Amazon. Journal of Personality and Social Psychology, 104(2), 354–370.

    Der Test bei den Tsimane: Quelle der 632 Befragten, der zweiten Stichprobe von 430 Erwachsenen und des Befunds zweier statt fünf Faktoren.

  8. Laajaj, R., Macours, K., Pinzon Hernandez, D., Arias, O., Gosling, S. D., Potter, J., Rubio-Codina, M., & Vakis, R. (2019). Challenges to capture the big five personality traits in non-WEIRD populations. Science Advances, 5(7), eaaw5226.

    Quelle aller Zahlen zu den 29 Erhebungen, den 94 751 Befragten in 23 Ländern und dem Kontrast zu den 198 356 Internetbefragten.

  9. Henrich, J., Heine, S. J., & Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? Behavioral and Brain Sciences, 33(2–3), 61–83.

    Die WEIRD-Kritik — und die Quelle des zitierten Satzes aus der Zusammenfassung.