
Das Journal22. Februar 20267 Min. Lesezeit
Der Traum als Rauschen — oder als Wunsch
Hobson gegen Solms, und warum der Streit noch offen ist
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Das Buch, dessen Titelblatt über diesem Text steht, trägt das Datum 1900 — der Verleger hatte es vordatiert, um es zur Jahrhundertschwelle zu machen. Freud hielt die Traumdeutung zeitlebens für seine wichtigste Arbeit, und ihr Kernsatz ist der berühmteste des Fachs:
Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches.
Man beachte die Klammern. Sie sind kein Stilmittel, sondern die Stelle, an der die Lehre sich gegen jeden Einwand versichert. Die Verkleidung besorgt die Traumarbeit — Verdichtung, Verschiebung, Rücksicht auf Darstellbarkeit —, und die Deutung macht die Arbeit rückgängig. Der Traum ist eine Botschaft, und es gibt eine Methode, sie zu lesen.
Hundert Jahre später ist von dieser Lehre wenig übrig und von ihrer Frage alles. Was an ihre Stelle trat, war zunächst das genaue Gegenteil: der Traum als Nebenprodukt zufälliger Nervenaktivität. Und was diesen Gegenentwurf ins Wanken brachte, kam weder aus der Praxis noch aus dem Schlaflabor, sondern aus der Neurologie. Der Streit darüber wird bis heute geführt.
Freuds Lehre und ihr Konstruktionsfehler
Freuds Beweismaterial waren gedeutete Einzelfälle — seine eigenen Träume voran —, und seine Methode war die freie Assoziation: Man folgt den Einfällen zum Traumelement, bis der latente Gedanke erscheint. Der Zensor, der die verdrängten Wünsche unkenntlich macht, ist dabei kein beobachtetes Organ, sondern ein Postulat.
Das Verfahren hat einen eingebauten Konstruktionsfehler, den die Akte 001 dieses Archivs beim Namen nennt: Es kann nicht scheitern. Jeder Traum lässt sich auf einen Wunsch zurückführen, wenn Umdeutung erlaubt ist — der Albtraum als Strafwunsch, der Angsttraum als Wunsch mit misslungener Verkleidung. Eine Lehre, die jeden Ausgang erklärt, sagt nichts vorher; das ist Poppers alter Einwand, und die Traumdeutung ist sein Schulbeispiel.
Zwei Dinge muss man ihr dennoch lassen. Erstens die Beobachtungsgabe: Dass Tagesreste in Träume einwandern, dass Träume verdichten und verschieben, dass sie aus dem Material des eigenen Lebens gebaut sind — das sind Beschreibungen, die die spätere Forschung in nüchterner Sprache bestätigt hat. Zweitens die Wirkung der Frage selbst: Vor 1900 galt der Traum den meisten Wissenschaften als Abfall; danach war er ein Gegenstand. Man kann eine Theorie beerdigen und ihrer Beerdigung ansehen, dass sie das Feld angelegt hat, auf dem sie liegt.
Jung, der zweite Traumdeuter dieses Archivs, verdient hier eine Randnotiz: Er hatte die Zensor-Lehre schon früh verworfen und Träume als unverschlüsselte, nur eben bildhafte Selbstdarstellungen gelesen — keine Verkleidung, sondern eine andere Sprache. Mit der Kompensationsidee, Träume glichen einseitige Wachhaltungen aus, ist er empirisch so wenig prüfbar geblieben wie Freud mit dem Wunsch; aber seine Weigerung, hinter jedem Bild ein Versteck zu vermuten, liest sich heute moderner als die Lehre, gegen die er sie richtete.
Was das Schlaflabor an ihre Stelle setzte
1953 beschrieben Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman regelmäßig wiederkehrende Phasen schneller Augenbewegungen im Schlaf, und damit wurde Träumen zum ersten Mal planbar messbar: Man weckt und fragt. Tore Nielsen sichtete später 35 solcher Weckstudien aus den Jahren 1953 bis 2000: Im REM-Schlaf liefern Weckungen im Mittel in rund 82 Prozent der Fälle einen Bericht, im übrigen Schlaf in etwa 43 Prozent — in den neueren Studien liegt der Wert außerhalb des REM-Schlafs eher bei 60 Prozent. Genau diese Lücke, und dass sie eben keine Kluft ist, wird später wichtig.
1977 zogen Allan Hobson und Robert McCarley die Konsequenz, die Freud am tiefsten traf: Träume beginnen nicht mit einem Wunsch, sondern mit zufälligen Erregungssalven des Hirnstamms; das Vorderhirn macht aus dem Rauschen nachträglich die beste Geschichte, die es kann. Die Bizarrheit der Träume ist keine Verkleidung, sondern Physiologie — kein Zensor, nirgends. In den Lehrbüchern löste das Aktivierungs-Synthese-Modell die Traumdeutung ab; der Traum war vom Brief zum Nebenprodukt geworden.
Der Streit um die Läsionen
Dann kam die Neuropsychologie mit einem Datentyp, den beide Seiten nicht hatten: Läsionen. Mark Solms befragte ab den 1990er-Jahren mehrere hundert Patienten mit umschriebenen Hirnschäden — eine klinisch-anatomische Korrelationsstudie, kein Experiment — und berichtete ein Muster, das das Rauschen-Modell so nicht vorhergesagt hatte: Patienten mit Hirnstammschäden träumten teils weiter; Patienten mit intaktem REM-Schlaf, aber Schäden im ventromesialen Vorderhirn-Marklager, hörten auf zu träumen — in demselben dopaminergen Trakt, der Wollen und Anreiz trägt. Ein zweiter Ort löscht den Traum ebenfalls und passt in keine Motivationsdeutung: der parieto-temporo-okzipitale Übergang. Solms' Schluss lautete, dass Träumen und REM-Schlaf verschiedene Mechanismen sind und der Traum an einem Motivationssystem hängt.
Unwidersprochen blieb das nicht. Kritiker halten ihm vor, dass bei seinen Hirnstammfällen nicht nachgewiesen war, dass der REM-Schlaf tatsächlich erloschen war — womit der entscheidende Beleg für die Trennung der Mechanismen fehlt —, und dass rückblickende Patientenauskünfte über das eigene Träumen ein weicher Datentyp sind. Eine Rehabilitation der Traumdeutung ist der Befund ohnehin nicht: kein Zensor, keine Verkleidungslehre, keine Deutungsmethode kehrt zurück. Zurück auf den Tisch kam nur die Grundfrage — ob Träume mit Motivation zu tun haben oder bloßes Rauschen sind.
Wie offen die Frage ist, lässt sich am Fundort ablesen. Im sechsten Heft des Jahrgangs 23 der Behavioral and Brain Sciences stehen im Dezember 2000 drei Beiträge unmittelbar hintereinander, jeder mit offener Fachkommentierung: Hobson mit Edward Pace-Schott und Robert Stickgold ab S. 793, Solms ab S. 843, Nielsen ab S. 851 mit dem Vorschlag, die Gegensätze über einen „verdeckten“ REM-Schlaf aufzulösen — REM-artige Prozesse, die auch außerhalb der gemessenen REM-Phasen laufen und die Berichte von dort erklären könnten. Die Zeitschrift druckte keinen Sieger, sondern drei Vorlagen nebeneinander. Und Hobson selbst rückte danach von der reinen Zufallslesart ab: 2009 beschrieb er den REM-Schlaf als Protobewusstsein — einen Zustand, in dem das Gehirn ein virtuelles Weltmodell durchspielt und so das Wachbewusstsein vorbereitet. Aus dem Rauschen war ein Probelauf geworden. Das ist keine Kapitulation vor Solms, aber es ist die Aufgabe der Position, mit der der Streit einmal begonnen hatte.
Was die Traumforschung heute messen kann
Die Botschaftsfrage ist inzwischen in kleinere, prüfbare Fragen zerlegt. Die Kontinuitätshypothese ist gut belegt: Trauminhalte spiegeln überzufällig die Sorgen und Beschäftigungen des Wachlebens — Prüflinge träumen von Prüfungen, Trauernde von den Verstorbenen. Der „Traumlag“ ist ein hübscher Feinbefund: Tageserleben taucht bevorzugt in der Nacht danach und noch einmal fünf bis sieben Nächte später auf.
Die Schreckensseite ist klinisch nutzbar geworden. Der wiederkehrende Albtraum der Traumatisierten widerspricht jeder einfachen Wunschlehre, und die am besten belegte Behandlung behandelt den Traum als veränderbares Drehbuch statt als Botschaft: Bei der Imagery Rehearsal schreiben Betroffene den Albtraum im Wachen um und üben die neue Fassung ein. Barry Krakow und Kollegen prüften das Verfahren 2001 in einer randomisierten Studie mit 169 Frauen und veröffentlichten die Ergebnisse im JAMA; das Verfahren steht seither in den Leitlinien.
Die Funktionsfrage dagegen hat Kandidaten statt Antworten: Gedächtniskonsolidierung im Schlaf ist solide belegt, der spezifische Beitrag des Träumens dazu nicht; Revonsuos Bedrohungssimulation und die Emotionsregulation sind plausible, konkurrierende Rahmen.
Was bleibt
Gesichert ist wenig und Wichtiges. Träume bestehen aus dem Material des eigenen Lebens, das ist gut gemessen. Sie folgen keinem allgemeingültigen Lexikon, und die freie Assoziation belegt nichts. Albträume sind behandelbar, und zwar ohne jede Deutungstheorie. Offen ist die eine Frage, um die es Freud, Hobson und Solms ging: ob dem Traum ein Motiv zugrunde liegt oder eine Zufallserregung, die nachträglich Sinn bekommt. Beide Lager haben sich seit 2000 aufeinander zubewegt, ohne sich zu treffen: Hobson hat den Zufall gegen einen Probelauf getauscht, Solms hat kein Experiment vorzuweisen, sondern eine Korrelation. Das plausibelste Bild nach heutigem Stand ist ein motivational gefärbtes Selbstgespräch unter schlechter Aufsicht — und ein Bild ist kein Befund.
Die Methodenlektion gehört ins Register dieses Journals: Bewegt wurde der Streit nie durch bessere Argumente, sondern durch neue Datentypen. Die Deutung konnte gegen die Deutung nichts ausrichten; erst das Schlaflabor machte Träume zählbar, erst die Läsionen brachten die Mechanismenfrage überhaupt in Reichweite. Wo eine Debatte seit Jahren auf der Stelle tritt, lohnt selten ein weiteres Argument — und fast immer die Frage, welcher Datentyp fehlt. Am Küchentisch bleibt davon eine bescheidene, brauchbare Auskunft: Wer über seine Träume spricht, spricht über sich. Genau deshalb funktionieren sie im Behandlungszimmer als Gesprächsöffner, ganz ohne Zensor-Theorie.
Quellen und warum sie hier stehen
Freud, S. (1900). Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig und Wien — Kapitel IV, „Die Traumentstellung“.
Der Ausgangstext und die Fundstelle des Zitats. Die Formel steht dort in Klammern gestuft — und genau diese Klammern sind der Konstruktionsfehler, den der Artikel beschreibt.
Aserinsky, E., & Kleitman, N. (1953). Regularly occurring periods of eye motility, and concomitant phenomena, during sleep. Science, 118, 273–274.
Der Punkt, an dem Träumen messbar wurde: Man weckt und fragt. Ohne diese Beobachtung gäbe es keinen der späteren Streitpunkte.
Hobson, J. A., & McCarley, R. W. (1977). The brain as a dream state generator: An activation-synthesis hypothesis of the dream process. American Journal of Psychiatry, 134, 1335–1348.
Der Gegenentwurf, der Freud am tiefsten traf: kein Wunsch am Anfang, sondern Erregungssalven des Hirnstamms — und kein Zensor, nirgends.
Hobson, J. A., Pace-Schott, E. F., & Stickgold, R. (2000). Dreaming and the brain: Toward a cognitive neuroscience of conscious states. Behavioral and Brain Sciences, 23(6), 793–842.
Der erste der drei Beiträge, die im Dezember 2000 unmittelbar hintereinander standen. Die Zeitschrift druckte keinen Sieger, sondern drei Vorlagen.
Solms, M. (2000). Dreaming and REM sleep are controlled by different brain mechanisms. Behavioral and Brain Sciences, 23(6), 843–850.
Der zweite Beitrag — und der Datentyp, den beide Seiten nicht hatten: Läsionen. Sein Schluss trennt Träumen und REM-Schlaf.
Nielsen, T. A. (2000). A review of mentation in REM and NREM sleep: „Covert“ REM sleep as a possible reconciliation of two opposing models. Behavioral and Brain Sciences, 23(6), 851–866.
Der dritte Beitrag, samt der Auswertung von 35 Weckstudien — und dem Vorschlag, den Gegensatz über einen verdeckten REM-Schlaf aufzulösen.
Solms, M. (1997). The Neuropsychology of Dreams: A Clinico-Anatomical Study. Erlbaum.
Die ausführliche Darstellung der Patientenstudie. Wichtig für die Einschränkung, die der Artikel mitführt: eine klinisch-anatomische Korrelation, kein Experiment.
Hobson, J. A. (2009). REM sleep and dreaming: Towards a theory of protoconsciousness. Nature Reviews Neuroscience, 10(11), 803–813.
Hobsons eigene Abkehr von der reinen Zufallslesart. Aus dem Rauschen wird ein Probelauf — keine Kapitulation, aber die Aufgabe der Ausgangsposition.
Domhoff, G. W. (2003). The Scientific Study of Dreams: Neural Networks, Cognitive Development, and Content Analysis. American Psychological Association.
Die Grundlage der Kontinuitätshypothese — Trauminhalte spiegeln die Sorgen des Wachlebens, und das ist auszählbar.
Domhoff, G. W. (2004). Why did empirical dream researchers reject Freud? A critique of historical claims. Dreaming, 14, 3–17.
Die Fachgeschichte der Zurückweisung — nützlich, weil sie zeigt, dass Freud nicht durch ein Argument fiel, sondern durch Messbarkeit.
Nielsen, T. A., Kuiken, D., Alain, G., Stenstrom, P., & Powell, R. A. (2004). Immediate and delayed incorporations of events into dreams. Journal of Sleep Research, 13(4), 327–336.
Der Traumlag: Tageserleben taucht bevorzugt in der Nacht danach auf — und noch einmal fünf bis sieben Nächte später.
Krakow, B., Hollifield, M., Johnston, L., u. a. (2001). Imagery rehearsal therapy for chronic nightmares in sexual assault survivors with posttraumatic stress disorder. JAMA, 286(5), 537–545.
Der klinische Ertrag ohne jede Deutungstheorie: 169 Frauen, randomisiert, und ein Verfahren, das den Traum als Drehbuch behandelt statt als Botschaft.