Zum Inhalt springen
AnamneseArchiv der Psychologie

Mindestens zwei Zeichen

Das Journal17. Mai 20267 Min. Lesezeit

Nahrung war nie die Antwort

Von Harlows Drahtmüttern zu Ainsworths Fremder Situation

Harlow 1958: Acht Jungtiere, die Fütterung gegengewichtet — bei vier säugte die Drahtmutter, bei vier die Stoffmutter. Die Milchquelle wechselte, das Anhängen an den Frottee nicht.Zeichnung des Archivs

Acht Rhesusaffen-Babys, zwei Attrappen: eine aus blankem Draht, eine mit Frottee bezogen. Harry Harlow trennte die Jungtiere in Wisconsin von ihren Müttern und gewichtete die Fütterung gegen — bei vier Tieren gab die Drahtmutter die Milch, bei den vier anderen die Stoffmutter. Die herrschende Lehre hatte eine klare Vorhersage: Das Junge gehört zur Milchquelle. Die Jungen verbrachten die meiste Zeit des Tages an der Stoffmutter — auch diejenigen, die von der Drahtmutter ernährt wurden und zu ihr nur zum Trinken wechselten. Erschreckt flohen sie ausnahmslos zum Frottee, nicht zur Milch. Harlow berichtete den Versuch 1958 im American Psychologist, unter dem Titel The Nature of Love. Die Gegengewichtung ist dabei der entscheidende Kunstgriff: Ohne sie ließe sich das Anhängen an die Stoffmutter noch als Nebenwirkung des Fütterns lesen. Kontakt tröstet, Nahrung nicht.

These data make it obvious that contact comfort is a variable of overwhelming importance in the development of affectional response, whereas lactation is a variable of negligible importance.

Harry F. Harlow, The nature of love (1958), American Psychologist 13, zum Befund der Abbildung 5; deutsch: [Diese Daten machen deutlich, dass Kontakttrost eine Variable von überwältigender Bedeutung für die Entwicklung affektiver Reaktionen ist, während das Säugen eine Variable von zu vernachlässigender Bedeutung ist.]

Was damit fiel, war eine Buchhaltung, auf die sich die beiden großen Schulen des Fachs um 1950 ausnahmsweise geeinigt hatten. Für die Lerntheorie war die Mutter ein konditionierter Verstärker — sie steht neben dem Futter, also färbt das Futter auf sie ab. Für die Psychoanalyse war sie das Objekt der oralen Triebbefriedigung: eine andere Sprache, dieselbe Rechnung. In beiden Fassungen war Zuwendung ein Umweg der Ernährung. Dass diese Rechnung binnen zwanzig Jahren kollabierte, ist eine der saubersten Umbaugeschichten des Fachs, und sie lief über drei Stationen.

Der ethische Preis der Affenversuche

Harlows Räume sind der Ort, an dem sich Erkenntnis und Ethik dieses Themas nicht auseinanderdividieren lassen. In Folgeversuchen zog er Tiere vollständig isoliert auf und zeigte, dass ohne frühe Beziehung schwer gestörte Erwachsene heranwachsen. Es sind Befunde, deren ethischer Preis heute schwer erträglich ist und die in dieser Form nicht mehr genehmigt würden. Die Forschungsethik-Notiz dieses Archivs behandelt das ausdrücklich; die Wirkung der Versuche auf die Theorie ist davon zu unterscheiden, und sie war enorm. Dieselben Isolationsversuche, die die Ernährungstheorie widerlegten, erzeugten schwer gestörte Tiere; die spätere Primatenforschung hat aus beidem gelernt — aus den Befunden und aus dem Preis. Wer heute mit Harlow argumentiert, argumentiert mit Ergebnissen, deren Wiederholung sich das Fach selbst verboten hat.

Bowlbys Bruch mit der Deutung

In London hatte John Bowlby zur selben Zeit denselben Verdacht aus anderem Material. Seine Studie über vierundvierzig jugendliche Diebe von 1944 hatte gezählt statt gedeutet; sein WHO-Bericht von 1951 trug die Trennungsfrage um die Welt. Die Erklärung holte er sich bei Lorenz und Tinbergen statt bei Freud: Bindung als eigenständiges biologisches System, entstanden, weil Nähe zum Schutzgeber Überleben bedeutet. Kein Nebenprodukt von Milch oder Trieb, sondern ein eigener Regelkreis mit eigenem Ausdruck — Weinen, Anklammern, Nachfolgen, Protest bei Trennung. Die Britische Psychoanalytische Gesellschaft behandelte ihn danach als Abtrünnigen. Harlows Affen und die Krankenhausfilme von James Robertson, darunter A Two-Year-Old Goes to Hospital von 1952, lieferten ihm die Anschauung, die seiner Theorie fehlte. Als 1969 der erste Band seiner Trilogie erschien, war aus der Ketzerei ein Forschungsprogramm geworden.

Drei Kästen untereinander — 1944, 1951, 1952 — mit einem Pfeil zur Bindungstheorie daneben
Abb. 1 — Bowlbys Weg in drei Schritten: 44 jugendliche Diebe 1944, der WHO-Bericht 1951, Robertsons Krankenhausfilm 1952. Die Erklärung holte er sich bei Lorenz und Tinbergen, nicht bei Freud. Zeichnung des Archivs

Was Ainsworth messbar machte

Was dem Programm fehlte, war ein Messinstrument. Es kam von Mary Ainsworth, die bei Bowlby gearbeitet hatte, bevor sie in Uganda und Baltimore in Wohnzimmern saß und Mütter mit ihren Kindern beobachtete, Hunderte Stunden lang. Ihre Fremde Situation von 1969/70 verdichtete diese Beobachtungen in zwanzig Minuten Labor: acht Episoden mit steigender Belastung, kodiert wird nicht das Weinen, sondern das Verhalten bei der Wiederkehr. Sicher gebundene Kinder suchen Nähe, lassen sich trösten, spielen weiter; vermeidende ignorieren die Rückkehr; ambivalente klammern und sträuben sich zugleich. Ein viertes Muster kam erst Jahrzehnte später dazu. Mary Main und Judith Solomon beschrieben in den Achtzigern die desorganisierten Kinder, deren Verhalten bei der Wiederkehr in sich zusammenbricht; Ainsworths Dreiteilung hatte genau diese Paare als unklassifizierbar übrig gelassen. Der theoretisch wichtigste Befund stammt nicht aus dem Labor, sondern aus den Hausbesuchen der Baltimore-Studie, die 1978 als Patterns of Attachment erschien: Die Feinfühligkeit der Mutter im Alltag sagte die spätere Klassifikation vorher. Und die wichtigste Klarstellung steht in der Ainsworth-Akte dieses Archivs: Die Kategorien sind Strategien, keine Diagnosen — auch das vermeidende Kind hat etwas Sinnvolles gelernt, nämlich dass Zeigen von Not bei diesem Gegenüber wenig hilft.

Acht Kästchen in einer Reihe, die fünfte und die achte hervorgehoben, darunter die drei Klassifikationen
Abb. 2 — Die acht Episoden der Fremden Situation in rund zwanzig Minuten. Kodiert wird nicht das Weinen, sondern das Verhalten bei der Wiederkehr — die Episoden 5 und 8. Zeichnung des Archivs

Der Umweg über Uganda gehört in diese Geschichte, weil er erklärt, warum das Instrument so gut wurde. Ainsworth kam nicht mit einem Fragebogen ins Feld, sondern mit Notizbüchern. Ab 1954 beobachtete sie in der Umgebung von Kampala sechsundzwanzig Familien, jede über neun Monate hinweg alle vierzehn Tage für zwei Stunden, mit Dolmetscherin. Sie beschrieb, wann Säuglinge ihre Mütter als sichere Basis benutzten — der Begriff, der später die Theorie trug, stammt aus diesen Wohnzimmern. Die Fremde Situation war als Ergänzung der Hausbesuche gedacht, nicht als ihr Ersatz; dass das Zwanzig-Minuten-Labor die Feldarbeit verdrängte, aus der es hervorging, ist eine Ironie, die Ainsworth selbst beklagt hat. Wer die Kategorien versteht, ohne die Beobachtungsarbeit dahinter zu kennen, hält sie leicht für ein Sortiersystem. Sie waren eine Zusammenfassung von Tausenden Beobachtungsstunden.

Was die Prüfungen übrig ließen

Die Bindungsforschung ist seither durch alle Mühlen gegangen. Die Fremde Situation wurde zum Weltstandard mit strenger Kodierdisziplin — und mit dem Preis kleiner, teurer Stichproben. Die Metaanalyse von Marinus van IJzendoorn und Pieter Kroonenberg fasste 1988 zweiunddreißig Stichproben aus acht Ländern zusammen, N = 1990. Im Mittel fand sie eine Verteilung nahe an Ainsworths Baltimore-Befund: rund 65 % sicher, 21 % vermeidend, 14 % ambivalent. Die Verteilungen unterscheiden sich zwischen Ländern, allerdings weniger, als die Stichproben innerhalb eines Landes voneinander abweichen; einzelne Stichproben glichen ausländischen mehr als den eigenen. Welche der beiden Streuungen die kulturelle Lesart trägt, ist bis heute strittig.

Michael Rutter zerlegte 1972 in Maternal Deprivation Reassessed die Monotropie — die These, es zähle nur eine einzige Bindungsfigur — und trennte Trennung von Deprivation. Die rumänischen Heimkinder nach 1989 wurden zur Prüfung, die niemand geplant hatte. Die englisch-rumänische Adoptionsstudie verfolgte sie bis ins junge Erwachsenenalter: Schwere frühe Deprivation hinterlässt dort messbare Spuren, und Aufholkurven zeigen zugleich, wie viel Nachholen möglich ist. Die Vorhersagekraft der frühen Klassifikation selbst ist real und bescheiden — sie verschiebt Wahrscheinlichkeiten, sie besiegelt keine Lebensläufe. Wer Schlagworte wie „Bindungstyp“ als Lebensurteil liest, liest gegen die Datenlage.

StationZahlen
Harlow, 19588 Jungtiere; bei 4 säugte die Stoffmutter, bei 4 die Drahtmutter
Bowlby, 194444 jugendliche Diebe
Ainsworth in Uganda, ab 195426 Familien, 9 Monate, alle 14 Tage je 2 Stunden
Fremde Situation, 1969/708 Episoden in rund 20 Minuten
van IJzendoorn und Kroonenberg, 198832 Stichproben aus 8 Ländern, N = 1990
Verteilung im Mittel65 % sicher · 21 % vermeidend · 14 % ambivalent
Bakermans-Kranenburg u. a., 2003d = 0,33 Feinfühligkeit · d = 0,20 Bindungssicherheit

Was bleibt

Gesichert ist der Kern: Nähe und Trost sind ein eigenes Bedürfnis, nicht die Nebenwirkung der Fütterung. Gesichert ist auch, dass die Feinfühligkeit eines Erwachsenen mit dem späteren Verhalten des Kindes in der Fremden Situation zusammenhängt — und dass sich daran arbeiten lässt. Kurze, videogestützte Programme zeigen Eltern, wie ihr Kind Signale sendet und was eine prompte, passende Antwort ist. Sie verbessern in randomisierten Studien das elterliche Verhalten und die Bindungsverteilung, mit Effektstärken um d = 0,33 für die Feinfühligkeit und d = 0,20 für die Bindungssicherheit. Das ist weniger, als die Ratgeberliteratur verspricht, und mehr, als die meisten Theorien dieses Archivs je in eine randomisierte Prüfung gebracht haben.

Strittig bleibt die Reichweite: wie viel die Klassifikation über spätere Beziehungen sagt, und wie kulturell die Verteilungen zu lesen sind. Das Archiv führt die Stationen dieser Geschichte deshalb mit verschiedenem Gewicht — Ainsworths Patterns of Attachment als repliziert, Bowlbys Diebe-Studie von 1944 als nur teilweise gedeckt, seit Rutter ihre Ableitungen auseinandergenommen hat. Im Alltag erkennt man den Unterschied zwischen Befund und Schlagwort an einem Merkmal: Die Forschung beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die Ratgeber ein Etikett für einen. Am Ende steht eine Pointe, die das Archiv gern verzeichnet: Die Schule, die Bowlby ausstieß, zitiert die Bindungsforschung heute als ihren besten empirischen Beleg. Der Weg dorthin führte über eine Frotteemutter, einen Taschenbuch-Bericht und ein Kodiersystem, das sich nicht nebenbei erlernen lässt.

Quellen und warum sie hier stehen

  1. Harlow, H. F. (1958). The nature of love. American Psychologist, 13(12), 673–685.

    Der Versuch mit den acht Jungtieren und der gegengewichteten Fütterung — und die Quelle des zitierten Satzes über Kontakt und Ernährung.

  2. Bowlby, J. (1944). Forty-four juvenile thieves: Their characters and home life. International Journal of Psycho-Analysis, 25, 19–53.

    Bowlbys erste gezählte statt gedeutete Untersuchung; die Studie, die Rutter später auseinandernahm.

  3. Bowlby, J. (1951). Maternal Care and Mental Health. Genf: Weltgesundheitsorganisation.

    Der Bericht, der die Trennungsfrage international verbreitete.

  4. Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. London: Hogarth Press.

    Der erste Band der Trilogie: Bindung als eigenständiges biologisches System mit eigenem Regelkreis.

  5. Robertson, J. (1952). A Two-Year-Old Goes to Hospital [Film]. London: Tavistock Child Development Research Unit.

    Die filmische Anschauung, die Bowlbys Theorie fehlte — Trennungsprotest im Krankenhaus, dokumentiert statt behauptet.

  6. Ainsworth, M. D. S. (1967). Infancy in Uganda: Infant Care and the Growth of Love. Baltimore: Johns Hopkins Press.

    Die Feldarbeit bei 26 Familien in der Umgebung von Kampala: Quelle der Beobachtungszahlen und der sicheren Basis.

  7. Ainsworth, M. D. S., & Bell, S. M. (1970). Attachment, exploration, and separation: Illustrated by the behavior of one-year-olds in a strange situation. Child Development, 41(1), 49–67.

    Die Fremde Situation in ihrer veröffentlichten Fassung — Beleg für die acht Episoden und das Kodieren der Wiederkehr.

  8. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale: Erlbaum.

    Die Baltimore-Studie: Quelle für die drei Klassifikationen und für den Befund, dass Feinfühligkeit im Alltag die spätere Einstufung vorhersagt.

  9. Main, M., & Solomon, J. (1990). Procedures for identifying infants as disorganized/disoriented during the Ainsworth Strange Situation. In M. T. Greenberg, D. Cicchetti & E. M. Cummings (Hrsg.), Attachment in the Preschool Years. Chicago: University of Chicago Press.

    Das vierte Muster, das genau die bei Ainsworth unklassifizierbaren Paare auffängt.

  10. van IJzendoorn, M. H., & Kroonenberg, P. M. (1988). Cross-cultural patterns of attachment: A meta-analysis of the strange situation. Child Development, 59(1), 147–156.

    Quelle der 32 Stichproben aus 8 Ländern, der Fallzahl 1990 und der Verteilung — sowie des Befunds, dass die Streuung innerhalb der Länder die zwischen ihnen übertrifft.

  11. Rutter, M. (1972). Maternal Deprivation Reassessed. Harmondsworth: Penguin.

    Zerlegt die Monotropie-These und trennt Trennung von Deprivation — die wichtigste Korrektur an Bowlby.

  12. Bakermans-Kranenburg, M. J., van IJzendoorn, M. H., & Juffer, F. (2003). Less is more: Meta-analyses of sensitivity and attachment interventions in early childhood. Psychological Bulletin, 129(2), 195–215.

    Quelle der beiden Effektstärken: d = 0,33 für Feinfühligkeit, d = 0,20 für Bindungssicherheit.

  13. Sonuga-Barke, E. J. S., Kennedy, M., Kumsta, R., Knights, N., Golm, D., Rutter, M., Maughan, B., Schlotz, W., & Kreppner, J. (2017). Child-to-adult neurodevelopmental and mental health trajectories after early life deprivation. The Lancet, 389(10078), 1539–1548.

    Die englisch-rumänische Adoptionsstudie bis ins junge Erwachsenenalter: Beleg für messbare Spuren und für die Aufholkurven.