Das Journal25. Januar 20266 Min. Lesezeit
Die Puppe, die zurückschlug
Was der Bobo-Versuch zeigt — und was ihm angedichtet wurde
Ein Kind, keine sechs Jahre alt, sitzt allein in einem Raum der Kindertagesstätte der Stanford University. Kurz zuvor hat man ihm attraktives Spielzeug gezeigt und dann erklärt, es sei für andere Kinder reserviert. Jetzt steht Spielzeug da, darunter ein Holzhammer und eine aufblasbare Stehaufpuppe. Das Kind greift zum Hammer und schlägt zu — in denselben Bewegungen, die es zwanzig Minuten zuvor bei einem Erwachsenen gesehen hat, teils mit denselben Sätzen. Das Modell hatte im Wortlaut gesprochen:
Sock him in the nose… Hit him down… Throw him in the air… Kick him… Pow…
So lief 1961 der bekannteste Versuch der Entwicklungspsychologie. Zweiundsiebzig Vorschulkinder, 36 Jungen und 36 Mädchen zwischen 37 und 69 Monaten, wurden auf drei Bedingungen zu je 24 Kindern verteilt: Ein Erwachsener traktierte vor ihren Augen die Puppe — Hammerschlag, Wurf in die Luft, Faustschlag, Tritte —, oder er spielte still, oder es gab gar kein Modell. Die Kinder der aggressiven Bedingung schlugen anschließend selbst, und zwar nicht irgendwie, sondern zitierend. 1963 zeigte die Folgestudie mit 96 Kindern, dass Film- und Zeichentrickmodelle ähnlich wirken wie leibhaftige: Alle drei Modellarten lagen deutlich über der Kontrollgruppe.
Der Befund war ein Problem für die herrschende Lehre. Der Behaviorismus erklärte Verhalten aus Konsequenzen — was verstärkt wird, tritt häufiger auf; wer nichts tut, lernt nichts. In dieser Buchhaltung fehlte ausgerechnet der Posten, aus dem Kindheit größtenteils besteht. Kinder erwerben Sprache, Sitten und Unarten in einem Tempo, das kein Verstärkungsplan der operanten Konditionierung liefern kann, und sie zeigen Handlungen, die sie nie ausgeführt und für die sie nie eine Belohnung gesehen haben. Albert Banduras Antwort auf diese Lücke steht in Akte 028 dieses Archivs; dieses Stück erzählt, was aus ihr wurde.
Der Zug von 1965
Die eigentliche Widerlegung kam vier Jahre nach der Puppe und verwendete die Begriffe der Gegenseite. Bandura zeigte 66 Kindern denselben Film in drei Fassungen: Das aggressive Modell wurde am Ende belohnt, bestraft oder gar nicht beachtet. Wer die Bestrafung gesehen hatte, ahmte seltener nach — der erwartete Befund. Dann bot man allen Kindern eine kleine Belohnung dafür an, vorzumachen, was sie gesehen hatten, und konnten es plötzlich alle gleich gut. Die Anreize löschten die zuvor beobachteten Unterschiede vollständig aus.
Erwerb und Ausführung sind zwei verschiedene Dinge: Gelernt hatten alle, gezeigt hatte es, wer einen Grund sah. Verstärkung steuert nicht, was gelernt wird, sondern was davon auf die Bühne kommt. Auf dieser Unterscheidung steht das ganze Programm des sozialen Lernens — und mit ihr war der orthodoxe Behaviorismus als Vollerklärung erledigt, nicht durch Polemik, sondern durch ein Design.
Was die Nacherzählungen weglassen
Die Sorgfalt der Vorarbeit fehlt in den Nacherzählungen regelmäßig. Die Kinder wurden vorab von der Versuchsleiterin und einer Erzieherin auf ihre gewohnheitsmäßige Aggressivität eingeschätzt und in Dreiergruppen so zugeteilt, dass die wilderen nicht zufällig beim aggressiven Modell landeten. Kodiert wurde hinter dem Einwegspiegel in Fünf-Sekunden-Takten, bei der Hälfte der Kinder von einem zweiten Beobachter unabhängig mit, bei Übereinstimmungen um .90.
Für 1961 ist das sorgfältig gebaut — mit einer Ausnahme, die die Nacherzählungen ebenfalls übergehen: Sämtliche Sitzungen kodierte der Mann, der in einem Teil der Durchgänge selbst das Modell gespielt hatte. Das ist keine Kleinigkeit an einem Randdetail, sondern eine Schwäche der Durchführung an der zentralen Messung. Wer heute so verführe, bekäme die Arbeit zurück.
Auch die Geschlechterbefunde verdienen den Vermerk: Jungen schlugen insgesamt mehr, und das Geschlecht des Modells zählte — der aggressive Mann wurde stärker nachgeahmt als die aggressive Frau, die in den Nachbefragungen eher Befremden auslöste. Kinder kommentierten, so benehme sich eine Dame nicht. Es ist einer der frühesten Belege dafür, dass Modelle nicht als Bewegungsquellen kopiert werden, sondern als soziale Rollen gelesen.
Was dem Versuch aufgeladen wurde
Dann bekam das Experiment mehr aufgebürdet, als es tragen kann. Im Streit um Mediengewalt wurde die Puppe zur Waffe beider Lager, und die methodischen Einwände sind so alt wie berechtigt. Eine Stehaufpuppe ist ein Objekt, das zum Schlagen gebaut ist; auf sie einzuschlagen ist Spiel, nicht Aggression gegen ein Wesen, das zurückschlägt oder leidet. Es ist ein Lehrbuchfall mangelnder ökologischer Validität. Dazu kommt, dass die Beobachtung unmittelbar auf das Modell folgte, im selben Raum, mit demselben Spielzeug, nach absichtlicher Frustration — die Lage sagte den Kindern reichlich deutlich, was von ihnen erwartet wurde. Der Fachbegriff dafür sind Demand Characteristics, und sie treffen den Versuch ins Mark.
Was die Puppe also zeigt, ist Nachahmungsbereitschaft in Reinkultur — nicht der Weg vom Bildschirm zur Straftat. Die Metaanalysen zur Mediengewalt finden entsprechend kleine, streuende Zusammenhänge, deren Größe nach Studiengüte und Lager der Autoren verschieden ausfällt: Craig Anderson und Kollegen kamen 2010 zu belastbaren Effekten, Christopher Ferguson 2015 zu praktisch bedeutungslosen. Eine Reanalyse von Joseph Hilgard und Kollegen rechnete die Datenbasis von 2010 auf Publikationsverzerrung durch und fand die kurzfristigen Effekte überschätzt. Beide Abkürzungen führen in die Irre: Wer aus diesen Befunden ein Verbot ableitet, überschätzt sie; wer sie für widerlegt erklärt, verwechselt kleine Effekte mit keinen.
Die nützliche Hälfte des Programms
Der Streit hat lange verdeckt, was aus dem Modelllernen praktisch wurde. In der Therapie ist es eine Technik: Wer eine Phobie behandelt, macht das Gefürchtete selbst vor, lässt zusehen und dann mittun. Bandura, Blanchard und Ritter verglichen 1969 dieses teilnehmende Modellieren mit symbolischem Modellieren, mit systematischer Desensibilisierung und mit einer Kontrollbedingung — das teilnehmende Modellieren gewann und steht bis heute in den Manualen.
Aus derselben Linie stammt der Begriff, der Bandura zum meistzitierten Psychologen seiner Zeit machte: Selbstwirksamkeit, die aufgabenbezogene Überzeugung, etwas Bestimmtes unter bestimmten Umständen zu können. Bandura führte 1977 vier Quellen auf, aus denen sie sich speist: den eigenen bewältigten Versuch, das beobachtete Modell, den Zuspruch anderer und die Deutung der eigenen körperlichen Erregung. Die Reihenfolge ist keine Aufzählung, sondern eine Rangfolge — der eigene Erfolg wirkt am stärksten, das Modell erst danach. Das ist der Grund, warum Zusehen allein selten reicht, und zugleich der Grund, warum Zusehen den ersten eigenen Versuch überhaupt möglich macht. Und die größte Anwendung läuft im Fernsehen: Serienformate, die Verhaltensmodelle in Unterhaltung einbetten, samt sichtbaren Folgen ihres Tuns, sind seit den 1970er-Jahren zuerst in Mexiko und danach auf mehreren Kontinenten produziert worden; die Wirksamkeitsbelege sind methodisch schwierig, die Reichweite ist es nicht.
Was bleibt
Der Lernmechanismus hält, die Aggressionslesart ist geschrumpft. Dass Menschen Handlungsmuster durch Zusehen erwerben, ist unbestritten und in unzähligen Varianten belegt — bis hinunter in die ersten Lebensmonate, wo allerdings ein eigener Streit läuft: Andrew Meltzoffs und Keith Moores Befund zur Nachahmung bei Neugeborenen von 1977 hat eine große Längsschnittstudie von Janine Oostenbroek und Kollegen 2016 nicht bestätigt. Gesichert bleibt die Unterscheidung von 1965: Kinder lernen, was sie sehen; ob sie es tun, entscheidet etwas anderes — Anreiz, Gelegenheit, erwartete Folgen. Nicht gesichert ist alles, was die Puppe angeblich über Bildschirmgewalt beweist. Sie hat es nie geprüft. Die Akte dieses Archivs führt die Studie von 1961 folgerichtig als nur teilweise repliziert: Der Mechanismus steht, die Verallgemeinerung nicht.
Wer die Nachbarschaft zu Skinner sucht, findet sie nicht im Widerspruch, sondern in der Arbeitsteilung: Formen baut Verhalten in Annäherungsschritten auf, Modellieren überspringt die Schritte, wo ein Vorbild reicht. Die Verhaltenstherapie verwendet bis heute beides, je nachdem, ob ein Repertoire fehlt oder eine Furcht im Weg steht. Im Alltag erkennt man den Unterschied an einer einfachen Frage: Fehlt dem Gegenüber die Handlung — oder nur der Grund, sie zu zeigen? Und für das Archiv bleibt die zweite Lehre, die teurere: Dasselbe Experiment, das in der Fachliteratur Erwerb und Ausführung trennt, steht in der Öffentlichkeit für eine These über Fernsehgewalt, die es nie geprüft hat. Zwischen dem, was eine Studie zeigt, und dem, wofür sie steht, liegt oft ein halbes Jahrhundert Zeitungsdruck. Die Puppe kann nichts dafür.
Quellen und warum sie hier stehen
Bandura, A., Ross, D., & Ross, S. A. (1961). Transmission of aggression through imitation of aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 63, 575–582.
Der Versuch selbst — und die Fundstelle des Zitats: Die Sätze des Modells stehen dort im Wortlaut, ebenso die Vorabeinschätzung der Kinder und die Kodierung hinter dem Einwegspiegel.
Bandura, A., Ross, D., & Ross, S. A. (1963). Imitation of film-mediated aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 66, 3–11.
Die Folgestudie mit 96 Kindern: Film- und Zeichentrickmodelle wirken ähnlich wie leibhaftige. Ohne sie bliebe der Befund an einen Menschen im Raum gebunden.
Bandura, A. (1965). Influence of models' reinforcement contingencies on the acquisition of imitative responses. Journal of Personality and Social Psychology, 1, 589–595.
Die eigentliche Widerlegung des orthodoxen Behaviorismus, und zwar mit dessen eigenen Begriffen: Die Belohnung löschte die Unterschiede aus, die die Bestrafung erzeugt hatte.
Bandura, A., Blanchard, E. B., & Ritter, B. (1969). Relative efficacy of desensitization and modeling approaches for inducing behavioral, affective, and attitudinal changes. Journal of Personality and Social Psychology, 13, 173–199.
Die Wendung ins Praktische: Das teilnehmende Modellieren gewann gegen drei Vergleichsbedingungen und steht bis heute in den Behandlungsmanualen.
Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84, 191–215.
Die vier Quellen der Selbstwirksamkeit — und dass ihre Reihenfolge eine Rangfolge ist. Der eigene bewältigte Versuch wirkt stärker als jedes Modell.
Meltzoff, A. N., & Moore, M. K. (1977). Imitation of facial and manual gestures by human neonates. Science, 198(4312), 74–78.
Der Befund, der die Nachahmung bis in die ersten Lebenswochen zurückverlegte — und der seither bestritten wird.
Oostenbroek, J., Suddendorf, T., Nielsen, M., u. a. (2016). Comprehensive longitudinal study challenges the existence of neonatal imitation in humans. Current Biology, 26(10), 1334–1338.
Die große Längsschnittstudie, die ihn nicht bestätigte. Der Streit gehört in den Artikel, weil der Mechanismus selbst unbestritten ist — nur sein frühester Beginn nicht.
Anderson, C. A., Shibuya, A., Ihori, N., Swing, E. L., Bushman, B. J., Sakamoto, A., Rothstein, H. R., & Saleem, M. (2010). Violent video game effects on aggression, empathy, and prosocial behavior in Eastern and Western countries: A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 136(2), 151–173.
Die eine Seite der Mediengewalt-Debatte: belastbare, wenn auch kleine Effekte. Sie steht hier, weil der Artikel beide Lager mit ihren eigenen Arbeiten zitiert und keines nacherzählt.
Ferguson, C. J. (2015). Do Angry Birds make for angry children? A meta-analysis of video game influences on children's and adolescents' aggression, mental health, prosocial behavior, and academic performance. Perspectives on Psychological Science, 10(5), 646–666.
Die Gegenseite, mit praktisch bedeutungslosen Effekten. Dass beide Metaanalysen dieselbe Literatur lesen, ist der eigentliche Befund.
Hilgard, J., Engelhardt, C. R., & Rouder, J. N. (2017). Overstated evidence for short-term effects of violent games on affect and behavior: A reanalysis of Anderson et al. (2010). Psychological Bulletin, 143(7), 757–774.
Rechnet die Datenbasis von 2010 auf Publikationsverzerrung durch und findet die kurzfristigen Effekte überschätzt — die Prüfung, die den Streit zumindest an einer Stelle entscheidet.