Akte 032 · Kognitionspsychologie
Amos Tversky
Amos Nathan Tversky wurde 1937 in Haifa geboren. Er diente als Fallschirmjäger in der israelischen Armee, studierte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und promovierte 1965 in Michigan. Seine frühe Arbeit galt der mathematischen Psychologie: Wie lassen sich Ähnlichkeit, Wahl und Messung so formalisieren, dass eine Theorie an beobachtbaren Entscheidungen scheitern kann?
1969 lud Daniel Kahneman den jüngeren Kollegen in ein Seminar ein. Aus dem Widerspruch — Tversky hielt Menschen zunächst für recht gute intuitive Statistiker, Kahneman nicht — entstand eine der produktivsten Partnerschaften der Psychologie. Die Autoren schrieben gemeinsam an einem Tisch und wechselten die Erstautorenschaft. Ihre Namen stehen über den Heuristiken von 1974, der Prospect Theory von 1979 und dem Framing-Aufsatz von 1981.
Tversky war dabei mehr als Kahnemans Mitautor. Seine Arbeiten über Ähnlichkeit und „Elimination by aspects“ zeigten, dass Wahl nicht immer als Abwägen einer vollständigen Rangliste funktioniert. Menschen können Optionen schrittweise aussortieren: erst alle ohne ein wichtiges Merkmal, dann nach dem nächsten.
1985 wurde Tversky in die US-amerikanische National Academy of Sciences gewählt. Er starb 1996 mit 59 Jahren an einem Melanom. Als Kahneman 2002 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, machte er aus der Dankesrede eine Würdigung des fehlenden Partners. Nobelpreise werden nicht postum vergeben; Wissenschaft wird dennoch nicht nach Preisurkunden aufgeteilt.
Der Aufsatz von 1974 ist keine einzelne Studie, sondern eine Landkarte. Tversky und Kahneman bündelten Aufgaben aus mehreren Versuchsserien unter drei Heuristiken: Repräsentativität, Verfügbarkeit und Verankerung. Ihr entscheidender Satz war doppelt: Die Abkürzungen sind ökonomisch und meist wirksam — und sie führen unter benennbaren Bedingungen zu systematischen Fehlern.
Bei der Repräsentativität wird ein Fall danach beurteilt, wie gut er zu einem Typ passt. Das macht die Beschreibung einer stillen, detailverliebten Person gefühlt wichtiger als die Basisrate dafür, wie viele Bibliothekarinnen oder Verkäufer überhaupt vorkommen. Die Verfügbarkeitsheuristik ersetzt Häufigkeit durch Abrufleichtigkeit: Dramatische Beispiele kommen schneller in den Sinn und wirken deshalb häufiger. Beim Verankern zieht eine vorher genannte Zahl selbst dann Schätzungen an, wenn ihre Herkunft offenkundig zufällig ist.
Das Programm verschob die Frage der Forschung. Nicht mehr: Sind Menschen rational oder irrational? Sondern: Welche Aufgabe ruft welche Abkürzung auf, und wann hilft oder schadet sie? Die robuste Mitte des Programms besteht weiter. Nicht jede klassische Demonstration hat jedoch dieselbe Stärke. Formuliert man Wahrscheinlichkeiten als natürliche Häufigkeiten, verschwinden manche Fehler; Expertise hilft in vertrauten Umwelten; und soziale Priming-Effekte, die später unter das breite Etikett „unbewusstes Denken“ gerieten, gehören nicht zu diesem gesicherten Kern.
Die faire Bilanz lautet deshalb „teilweise“ und nicht „widerlegt“. Heuristiken sind weder kleine Dämonen im Kopf noch Ausreden für jedes Fehlurteil. Sie sind prüfbare Hypothesen darüber, welche Information Menschen tatsächlich verwenden. Tverskys mathematische Disziplin liegt genau darin: Eine gute Geschichte über Fehler muss an einer Aufgabe, einer Vergleichsbedingung und einer Vorhersage erkennbar werden.
„Linda ist 31, ledig, direkt und sehr intelligent. Sie hat Philosophie studiert, beschäftigte sich mit Diskriminierung und nahm an Demonstrationen teil.“ Was ist wahrscheinlicher: dass Linda Bankangestellte ist — oder Bankangestellte und in der Frauenbewegung aktiv?
Viele wählen die zweite Antwort, weil sie besser zur Geschichte passt. Logisch kann die Schnittmenge zweier Ereignisse aber nie wahrscheinlicher sein als eines der Ereignisse allein. „Bankangestellte und aktiv“ ist eine Teilmenge von „Bankangestellte“.
Die Aufgabe zeigt die Stärke und die Gefahr narrativer Passung. Der zusätzliche Satz macht die Beschreibung plausibler, obwohl er die mathematische Wahrscheinlichkeit nur verkleinern kann. Im Alltag hilft eine einfache Gegenfrage: Wurde die Gruppe durch ein zusätzliches Merkmal größer — oder nur anschaulicher?
Replikationsstatus: teilweise.
Die Grundmuster von Framing, Verankerung und mehreren Wahrscheinlichkeitsurteilen sind vielfach wiederholt worden. Ihre Größe hängt jedoch von Aufgabe, Darstellung, Vorwissen und Stichprobe ab. Der Status gilt dem breiten Heuristics-and-Biases-Programm; die Prospect Theory ist in der Kahneman-Akte gesondert und als repliziert dokumentiert.
Primärquellen:
- Tversky, A., & Kahneman, D. (1974). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185, 1124–1131.
- Tversky, A., & Kahneman, D. (1981). The framing of decisions and the psychology of choice. Science, 211, 453–458.
- Tversky, A., & Kahneman, D. (1983). Extensional versus intuitive reasoning: The conjunction fallacy in probability judgment. Psychological Review, 90, 293–315.
- Tversky, A. (1972). Elimination by aspects: A theory of choice. Psychological Review, 79, 281–299.
Einordnung:
- Gigerenzer, G. (1991). How to make cognitive illusions disappear: Beyond “heuristics and biases”. European Review of Social Psychology, 2, 83–115.
- Klein, R. A., et al. (2018). Many Labs 2. Advances in Methods and Practices in Psychological Science, 1, 443–490.