Akte 010 · Sozialpsychologie
Stanley Milgram

Abb. 1 — Public domain · Wikimedia Commons
Stanley Milgram wurde am 15. August 1933 in New York City als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa geboren — der Vater Bäcker aus Ungarn, die Mutter aus Rumänien, die Werkstatt der Familie eine Konditorei in der Bronx. Der Weltkrieg, der in Europa die Verwandtschaft traf, lief durch seine Kindheit als Radionachricht und Familienangst; sein Biograph Thomas Blass überliefert die Rede des Dreizehnjährigen zur Bar-Mizwa 1946, in der der Junge das eigene Erwachsenwerden mit dem Schicksal der europäischen Juden verknüpfte. Wer will, kann das gesamte spätere Werk als Fußnote zu dieser Rede lesen; Milgram selbst hat den Zusammenhang nie verleugnet.
Er besuchte die James Monroe High School in der Bronx — dieselbe Schule wie Philip Zimbardo, mit dem er zeitlebens befreundet blieb; die beiden Jahrgangskollegen wurden später die zwei Namen, an denen das Fach seine Situationsfrage durchdekliniert. Sein Erststudium am Queens College schloss er in Politikwissenschaft ab; Psychologie hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht belegt.
Für die Zulassung zum Promotionsprogramm in Sozialpsychologie in Harvard musste er die fehlenden Kurse nachholen — die erste Bewerbung wurde abgelehnt, und Milgram stopfte die Lücke in einem einzigen Sommer mit einem halben Dutzend Einführungskursen an drei New Yorker Hochschulen. Er promovierte 1960 bei Gordon Allport, mit einer Feldarbeit, die sein späteres Programm im Kleinen enthielt: einem Ländervergleich der Konformität zwischen Norwegen und Frankreich, gemessen mit akustischen Urteilsaufgaben nach dem Muster von Asch. Prägend wurde die Zusammenarbeit mit Solomon Asch selbst, dem er in Harvard und später in Princeton zuarbeitete: Aschs Konformitätsexperimente lieferten die Versuchslogik, die Milgram auf Gehorsam gegenüber einer Autorität übertrug — aus der Mehrheit, die irrt, wurde der Eine, der anweist.
Von 1960 bis 1963 lehrte er in Yale, wo die Gehorsamsstudien entstanden — konzipiert im Jahr des Eichmann-Prozesses, durchgeführt in vierundzwanzig Bedingungen mit Hunderten Bürgern von New Haven. Sie machten den knapp Dreißigjährigen weltberühmt und kosteten ihn zugleich die klassische Karriere: Nach der Rückkehr nach Harvard 1963 wurde ihm dort 1967 die Festanstellung verweigert — die Kontroverse um die Ethik seiner Experimente gilt als ein Grund; die Aufnahme in die American Psychological Association war zuvor bereits wegen einer Prüfung der Beschwerden verzögert worden. Ab 1967 war er Professor am Graduate Center der City University of New York — eine gute Adresse, aber nicht die, für die er ausgebildet war, und Milgram wusste das.
Milgrams Werk erschöpft sich nicht in den Gehorsamsstudien, und die zweite Hälfte ist erfinderischer als die erste. Das Kleine-Welt-Experiment von 1967 schickte Briefe von Nebraska nach Boston, weiterzureichen nur über persönliche Bekannte — die Ketten, die ankamen, brauchten im Mittel etwa ein halbes Dutzend Stationen, und aus dem Befund wurde die Formel von den sechs Trennungsgraden, lange bevor Netzwerke ein Forschungsfeld waren. Die Lost-Letter-Technik las politische Einstellungen aus liegen gelassenen, adressierten Briefen ab; die Untersuchung des vertrauten Fremden nahm den Pendlerbahnsteig als Labor; die U-Bahn-Studie, für die seine Studierenden Sitzplätze erbitten mussten, vermaß die Kosten des kleinsten Regelbruchs — Milgram selbst berichtete, wie schwer ihm der Satz über die Lippen ging. Dazu kamen mentale Landkarten von New York und Paris, ein Feldexperiment mit eigens produzierten Fernsehepisoden zur Wirkung von Bildschirmgewalt und zuletzt die Cyranoid-Methode, bei der ein Mensch mit den eingesprochenen Worten eines anderen spricht. Er drehte zudem den Lehrfilm Obedience (1965), der Originalaufnahmen der Versuche zeigt — und der bis heute das ist, was die meisten Menschen gesehen haben, wenn sie glauben, das Experiment zu kennen.
Auch das Fernsehen erkannte den Stoff: Die CBS-Verfilmung The Tenth Level mit William Shatner als Milgram-Figur brachte die Gehorsamsstudien 1976 ins Abendprogramm — der Forscher beriet die Produktion und haderte mit dem Ergebnis.
Der Stil war Teil der Methode: Milgram schrieb Essays statt nur Fachaufsätze, fotografierte, komponierte Erzählstoffe fürs Fernsehen und behandelte die Stadt als sein eigentliches Institut. Die Zunft hat ihm das doppelt heimgezahlt — als Vorwurf mangelnder Theorie und als anhaltende Lesbarkeit: Obedience to Authority (1974) wird gelesen wie kaum eine Monographie des Fachs, und The Individual in a Social World versammelt eine Feldforschung, die es so vor ihm nicht gab.
Er starb am 20. Dezember 1984 im Alter von 51 Jahren in New York an seinem fünften Herzinfarkt — im selben Stadtteil-Kosmos, den er lebenslang vermessen hatte. Die Tonbänder, Fragebögen und Filme der Gehorsamsserie liegen heute in den Yale-Archiven; dass sie ein halbes Jahrhundert später die Neubewertung seiner berühmtesten Studie trugen, ist die Pointe, die zu ihm passt: Er hatte alles aufgehoben.
Die Frage hatte ein Datum, bevor sie ein Design hatte. 1961 saß Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht, und die Welt stritt darüber, ob Schreibtischtäter Ungeheuer sind oder Funktionäre. Milgram, Sohn jüdischer Einwanderer und frisch von der Assistenz bei Solomon Asch gekommen, stellte die Frage des Prozesses als Laborfrage: Wie weit geht ein gewöhnlicher Mensch, wenn eine legitime Autorität ihn anweist, einem anderen zu schaden? Aschs Versuchslogik — eine einzelne Person gegen einen präparierten sozialen Druck — wurde dafür umgebaut: Statt einer Mehrheit, die falsche Linien nennt, ein einzelner Mann im grauen Kittel, der sagt, das Experiment erfordere es.
He sees himself not as a person acting in a morally accountable way but as the agent of external authority.
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Jahr | 1963 (Erstpublikation), 1974 (Buch) |
| Stichprobe | 40 Männer, 20–50 Jahre, New Haven |
| Befund | 26 von 40 gingen bis 450 Volt |
| Replikationsstatus | teilweise repliziert (Burger 2009, bis 150 Volt) |
Die 1963 im Journal of Abnormal and Social Psychology veröffentlichte Studie umfasste 40 männliche Teilnehmer zwischen 20 und 50 Jahren aus New Haven und Umgebung, angeworben über Zeitungsanzeigen und Direktpost. Sie erhielten 4,50 Dollar — 4 Dollar Aufwandsentschädigung plus 50 Cent Fahrtkosten — und zwar ausdrücklich allein für das Erscheinen, unabhängig vom weiteren Verlauf. Die Auswahl war absichtsvoll gewöhnlich: Postangestellte, Lehrer, Verkäufer, Ingenieure, Arbeiter — keine Studierenden, denn der Befund sollte nicht am Sonderfall Campus hängen.

Die Titelgeschichte lautete, es handle sich um eine Untersuchung über den Einfluss von Bestrafung auf das Lernen. Ein gezinktes Los machte die Versuchsperson stets zum Lehrer; die Rolle des Schülers übernahm ein eingeweihter Mitarbeiter, der als 47-jähriger Buchhalter vorgestellt wurde — freundlich, beleibt, von einer Herzschwäche war beiläufig die Rede. Der Schüler wurde im Nebenraum an eine Apparatur geschnallt, der Lehrer erhielt zur Beglaubigung einen Probeschock von 45 Volt — den einzigen echten Stromstoß des gesamten Programms, verabreicht an den, der danach glaubte, selbst welche zu verteilen.
Der Schockgenerator trug 30 Schalter von 15 bis 450 Volt in Fünfzehn-Volt-Schritten, beschriftet von Slight Shock über Danger: Severe Shock bis zu einem wortlosen XXX. Das Gerät war eine Requisite von handwerklicher Perfektion — Summton, Zeigerausschlag, eingravierte Herstellerplakette —, gebaut, um geglaubt zu werden. Bei jedem Fehler des Schülers sollte der Lehrer eine Stufe höher gehen und vor dem Schalterdruck die Voltzahl laut ansagen: Die Prozedur zwang den Gehorsam, sich selbst mitzuhören. In der Grundbedingung war der Schüler nicht zu sehen; bei 300 Volt schlug er gegen die Wand, ab 315 Volt blieb jede Reaktion aus.
Zögerte der Lehrer, gab der Versuchsleiter in fester Reihenfolge vier Standardaufforderungen: Bitte fahren Sie fort, Das Experiment erfordert, dass Sie fortfahren, Es ist absolut notwendig, dass Sie fortfahren, Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen. Erst nach der vierten vergeblichen Aufforderung wurde der Versuch abgebrochen. Bemerkenswert ist, was die Autorität nicht tat: Sie drohte nicht, sie versprach nichts, sie hob nicht die Stimme. Der Druck bestand aus einem grauen Kittel und dem Satz, es gehöre sich so.
Das Ergebnis widersprach allen Vorhersagen: 26 der 40 Teilnehmer — 65 Prozent — gingen bis zur höchsten Stufe von 450 Volt. Kein einziger brach vor 300 Volt ab; fünf stiegen bei 300 Volt aus. Milgram hatte zuvor Psychiater, Studierende und Erwachsene der Mittelschicht schätzen lassen, wie viele bis zum Ende gehen würden — die Prognosen lagen im Bereich eines pathologischen Bruchteils von etwa einem Prozent. Die Fachwelt hatte nicht die Menschen falsch eingeschätzt, sondern die Macht der Situation.
Ebenso Teil des Befunds ist, was die Zahlen nicht zeigen: Milgram beschreibt Schwitzen, Zittern, Stottern und nervöses Lachen bis hin zu regelrechten Krampfanfällen. Gehorsam bedeutete hier nicht Gleichgültigkeit, sondern extremen Stress bei gleichzeitigem Weitermachen — Menschen, die protestierten, den Versuchsleiter anflehten, die Verantwortungsfrage stellten und dann doch den nächsten Schalter drückten.
Die Studie von 1963 war dabei nur der Auftakt einer Serie von über zwanzig Bedingungen mit insgesamt Hunderten Teilnehmern, die Milgram 1974 in Obedience to Authority bilanzierte — und die Variationen sind der eigentlich analytische Teil. Rückte das Opfer näher, sank der Gehorsam: auf rund 40 Prozent im selben Raum, auf rund 30 Prozent, wenn die Hand des Schülers auf die Platte gedrückt werden musste. Gab der Versuchsleiter seine Anweisungen per Telefon, fiel die Quote auf etwa ein Fünftel — und manche Teilnehmer schummelten mit niedrigeren Schaltern, gehorsam dem Anschein nach, ungehorsam der Sache nach. Zwei rebellierende Mitstreiter senkten den Gehorsam auf ein Zehntel; ein gewöhnlicher Mann ohne Kittel, der dieselben Befehle gab, fand kaum Gefolgschaft. In einem Bürohaus in Bridgeport, ohne Yale-Aura, gingen noch knapp die Hälfte bis zum Ende. Frauen gehorchten 1963ff. genauso häufig wie Männer. Der Befund war also nie „alle gehorchen“, sondern: Der Gehorsam ist eine Stellgröße der Situation — Nähe des Opfers, Nähe der Autorität, Einigkeit der Umgebung.
Milgrams eigene Erklärung, der Agens-Zustand — der Mensch schalte unter Autorität in einen Modus, in dem er sich als Werkzeug fremden Willens erlebt und die eigene Handlung nicht mehr sich selbst zurechnet —, hat die Zeit schlechter überstanden als seine Daten: Sie erklärt nicht, warum der Gehorsam so fein auf Nähe und Einigkeit reagiert, und gilt heute eher als Beschreibung denn als Mechanismus.
Die Rezeption begann als Ethikstreit. Diana Baumrind bestritt 1964 im American Psychologist die Zulässigkeit der Anordnung: Man dürfe Menschen nicht in einen Zustand versetzen, in dem sie glauben, einen anderen getötet zu haben. Milgram verteidigte sich mit seinen Nachbefragungen — die große Mehrheit gab an, die Teilnahme nicht zu bereuen —, doch das Argument, das Einverständnis könne eine Täuschung dieser Tiefe nicht heilen, blieb stehen; die Studie wurde zum zweiten Gründungsfall der Forschungsethik neben Little Albert, und die Ethikkommissionen, die es seither gibt, würden sie heute nicht mehr genehmigen.
Die archivische Wendung kam ein halbes Jahrhundert später aus den Beständen selbst. Gina Perry hörte für Behind the Shock Machine (2012) die erhaltenen Tonbänder durch und fand einen Versuchsleiter, der deutlich öfter und freier nachdrückte, als das Skript erlaubte — aus vier Standardsätzen wurden in manchen Sitzungen lange Verhandlungen. Sie dokumentierte zudem, dass ein erheblicher Teil der Teilnehmer erst Monate später vollständig aufgeklärt wurde; manche gingen lange in dem Glauben nach Hause, einem Herzkranken Stromstöße verabreicht zu haben. Und die Archivforschung schärfte einen Befund, der in Milgrams eigener Nachbefragung schlummerte: Wer glaubte, die Schocks seien echt, gehorchte seltener. Die Deutung der Serie hängt damit auch an der Frage, was die Teilnehmer wirklich glaubten — und die ist aus den Akten nur unvollständig zu beantworten.
Weil die Anordnung selbst nicht mehr genehmigungsfähig ist, hat die Forschung Ersatzbühnen gesucht. In einer Fassung von 2006 saßen Teilnehmende vor einer virtuellen Frau, von der alle wussten, dass sie aus Software besteht — und reagierten trotzdem mit Schwitzen, steigendem Puls und Zögern, wenn sie ihr Schocks erteilen sollten; ein Teil brach ab. Eine französische Fernsehproduktion baute die Anordnung 2010 als Spielshow nach, mit Publikum und Moderatorin an der Stelle des Versuchsleiters, und kam auf Gehorsamsquoten in derselben Größenordnung wie Milgram. Beide Nachbauten prüfen streng genommen nicht dieselbe Frage: Die eine misst Stress gegenüber einer offensichtlichen Fiktion, die andere ist keine kontrollierte Studie, sondern ein Fernsehformat. Sie zeigen aber, dass die Kraft der Anordnung nicht an der Täuschung über den Schmerz hängt.
Was heute steht, ist deshalb differenzierter als beide Legenden. Jerry Burger wiederholte 2009 eine entschärfte Fassung bis zur 150-Volt-Marke — der Stelle, an der der Schüler erstmals herausverlangt — und fand Quoten nahe den historischen; eine polnische Replikation von 2017 ebenso. Die Verhaltensbefunde der Grundanordnung gelten als belastbar. Umgedeutet wird das Warum: Alexander Haslam und Stephen Reicher lesen die Bänder nicht als blinden Gehorsam, sondern als engagierte Gefolgschaft — die Teilnehmer gehorchten, soweit sie das Unternehmen Wissenschaft für legitim hielten, und der vierte, härteste Befehlssatz („Sie haben keine andere Wahl“) war ausweislich der Protokolle der am wenigsten wirksame. Nicht Kadavergehorsam trägt die 65 Prozent, sondern geliehene Überzeugung. Für die Frage von 1961 ist das keine Entwarnung — es ist die genauere Beschreibung dessen, was Bürokratien mit Menschen machen: Sie geben ihnen einen Grund.
Die Zahl 65 Prozent stammt aus einer Bedingung. Milgram führte über die Jahre rund zwei Dutzend Variationen mit insgesamt etwa 780 Teilnehmenden durch, und die Gehorsamsrate schwankte darin erheblich: Sie sank deutlich, wenn der Versuchsleiter Anweisungen nur telefonisch gab, wenn der Versuch in einem schlichten Büro statt in Yale stattfand oder wenn zwei ungehorsame Mitprobanden anwesend waren. Wer nur die 65 Prozent zitiert, zitiert die Situation nicht mit.
Die ethische Kritik setzte sofort ein. Diana Baumrind warf Milgram 1964 im American Psychologist vor, seine Versuchspersonen einer dauerhaften Belastung ausgesetzt und die Aufklärung danach als Rechtfertigung benutzt zu haben. Die Debatte prägte die Entwicklung heutiger Ethikkommissionen mit.
Seit 2012 kommt methodische Kritik aus dem Archiv hinzu. Gina Perry hat für Behind the Shock Machine die Yale-Bestände ausgewertet und dokumentiert, dass der Versuchsleiter John Williams die vier Standardaufforderungen häufig verließ und improvisierte, teils mit deutlich mehr Druck als das Protokoll vorsah. Stephen Gibson kam bei der Analyse der Tonbänder zu ähnlichen Befunden.
Strittig bleibt, wie viele Teilnehmende die Schocks überhaupt für echt hielten. Milgram erhob dies nachträglich per Fragebogen; Perrys Auswertung legt einen weit höheren Zweifelanteil nahe als die publizierten Angaben.
Auch die Deutung selbst steht zur Debatte. Alexander Haslam und Stephen Reicher lesen die Befunde nicht als blinden Gehorsam, sondern als engagierte Gefolgschaft: Teilnehmende machten weiter, weil sie sich mit dem wissenschaftlichen Ziel identifizierten — die vierte, befehlsförmige Aufforderung führte am häufigsten zum Abbruch, nicht zur Fügsamkeit.
Was davon unberührt bleibt: Dass gewöhnliche Menschen unter institutionellem Druck weit über die eigene Selbsteinschätzung hinausgehen, ist der robuste Kern.
Umstritten ist der Mechanismus, nicht der Effekt.
Replikationsstatus: teilweise.
Eine vollständige Wiederholung ist unter heutigen Ethikstandards nicht zulässig. Jerry Burger löste das 2009 mit der 150-Volt-Lösung: Da in Milgrams Daten praktisch jeder, der die 150-Volt-Marke überschritt, auch bis 450 Volt ging, brach Burger unmittelbar nach dieser Stufe ab und rechnete hoch.
Burgers Stichprobe umfasste 70 Personen (29 Männer, 41 Frauen) im Alter von 20 bis 81 Jahren, mit zweistufigem Screening und dem Ausschluss von Personen mit psychologischer Vorbildung. 70 Prozent setzten über 150 Volt hinaus fort, gegenüber 82,5 Prozent in Milgrams vergleichbarer Bedingung — der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Der Grundbefund hielt also stand, in abgeschwächter und methodisch eingeschränkter Form.
Warum nicht repliziert: Burger misst eine Teilstrecke, keinen Endpunkt. Die Hochrechnung auf 450 Volt stützt sich auf Milgrams eigene Daten, nicht auf neue Beobachtung. Hinzu kommen die Archivbefunde zur Protokolltreue des ursprünglichen Versuchsleiters, die die Vergleichsbasis selbst unscharf machen.
Primärquellen:
- Milgram, S. (1963). Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67(4), 371–378.
- Milgram, S. (1974). Obedience to Authority: An Experimental View. Harper & Row.
Replikation und Kritik:
- Burger, J. M. (2009). Replicating Milgram: Would People Still Obey Today? American Psychologist, 64(1), 1–11.
- Baumrind, D. (1964). Some thoughts on ethics of research. American Psychologist, 19(6), 421–423.
- Perry, G. (2012). Behind the Shock Machine. Scribe.
- Haslam, S. A., & Reicher, S. D. (2012). Contesting the „Nature“ of Conformity. PLoS Biology, 10(11), e1001426.